Kultur | 06.11.2006

„Im Zug kann ich schreiben“

Der in Berlin lebende Russe Wladimir Kaminer ist Kult. In Scharen strömen Tanzwütige in seine Russendisko, wenn er mit seinem Freund Yuriy Rock'n'Roll, Ska und Polka auflegt. Doch ist er nicht nur DJ, sondern auch humorvoller Schriftsteller. Für Tink.ch nahm er sich Zeit für ein Interview.
Wladimir Kaminer: Kam von Berlin an die Burgdorfer Krimitage. Fotos: Susanne Mani "Das geschriebene Wort ist die Quelle des Wissens." "In Berlin ist die Politik zu festgefahren."

Wie kommen Sie auf die Ideen für ihre Geschichten?

Ich lasse mich von meinem Alltag, von der täglichen Realität und meinen Erlebnissen inspirieren. Ich kann die Ideen ja nicht vom Mars holen. Das ist bei den meisten Schriftstellern so. Das beste Beispiel dafür sind die Science-Fiction-Romane. Diese Geschichten sind geprägt von den Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten, die der Autor darin verarbeitet.  

Ist das Schreiben harte Arbeit oder fällt es Ihnen leicht?

Man sollte beim Schreiben nicht von schwer und leicht sprechen. Wenn du eine Idee hast und von einer Geschichte überwältigt wirst, dann schreibst du einfach solange bis sie fertig ist.

Ich kann allerdings nicht überall schreiben. Im Flugzeug zum Beispiel geht gar nichts. Das ist eine unnatürliche Situation. Und jetzt, da wir so oft unterwegs sind, kann ich mich auch nicht gut dem Schreiben widmen.

Ideal ist das Zugfahren. Da gibt es kein Internet, der Handyempfang ist schlecht und lauter fremde Menschen sind um einen herum. Es gibt keine Ablenkung und ich kann in meine Arbeit versinken. Ich reise oft mit dem Zug.

Sie schreiben viel. Lesen Sie auch?

Ja, sehr viel. Ich lese eigentlich immer, wenn ich nicht gerade schreibe, anspruchsvolle Krimis, Sachbücher oder Ergebnisse der Fruchtfliegenforschung. Das geschriebene Wort ist die Quelle des Wissens.

Sie haben gesagt, wenn sie die deutsche Mentalität beschreiben müssten, würden Sie sagen „die Deutschen hätten am liebsten eine Vollkaskoversicherung fürs Leben“. Ist Ihnen so etwas auch bei den Schweizern aufgefallen?

Naja, ich habe eine gespaltene Beziehung zu den Schweizern. Einerseits bewundere ich das ganze System, das Funktionieren der direkten Demokratie. Andererseits habe ich den Eindruck, viele Schweizer mögen nicht über die Landesgrenzen hinausschauen. Sie erweitern ihren Horizont nicht. Das ist sehr schade.  

Warum sind Sie jetzt in die Schweiz gekommen?

Ach, das ist einfach verdientes Geld. Und es ist für uns natürlich wie Ferien.

Engagieren Sie sich auch politisch?

Natürlich. Das bringt der Alltag mit sich. In Berlin ist die Politik zu festgefahren. Früher war es ein Kampf der Ideologien. Man kämpfte gegen den Kapitalismus. Heute hat die Regierung zu wenig Gewicht, weder Geld noch Macht. Sie bringt keine Veränderung. Da muss etwas passieren. Wir setzen uns ein für ein Berlin, wo jeder Bürger Aktionär der Stadt ist: New Berlin AG. Jeder soll seine Ideen einbringen und mit Kreativität verwirklichen können.  

In einem Interview mit Ihnen konnte man lesen, dass Sie kein Bier mehr trinken. Warum? 

Ich nehme mir immer wieder für eine Zeit lang vor, keinen Alkohol mehr zu trinken.

Und was trinken Sie heute? Wodka?

Nein, Wodka muss man nach einem leckeren Essen mit drei Freunden trinken. Heute trinke ich Cognac, den kann man gut alleine trinken. Allerdings nehme ich den nicht ganz freiwillig zu mir. Mein Freund Yuriy, der mit mir als DJ auflegt, hat wahnsinnige Flugangst. Also nicht nur so ein bisschen Bammel, sondern extreme Angst. Und das einzige Mittel, das er zur Bekämpfung kennt, ist Alkohol. Also haben wir uns am Flughafen in Berlin danach umgesehen. Und weil es nur die grossen Flaschen hatte, muss ich jetzt auch wieder zu ihm gehen und mittrinken. Er verträgt nämlich eigentlich keinen Alkohol.

Kaminer in Bern


Wladimir Kaminer kommt mit seinen Kolumnen und der Russendisko am 10. November ins Wasserwerk nach Bern. Türöffnung ist um 20.30 Uhr, die Lesung beginnt um 21.30 Uhr und die Disko startet um 23.00 Uhr.

Tickets sind in der Buchhandlung Stauffacher in Bern erhältlich.

Links