14.11.2006

Faszinierender als London und schöner als die Schweiz

Text von Lena Tichy
Was gehört zu England und gibt es nur ungern zu? Antwort: Schottland. Soviel Eigensinn verdient eine Würdigung.
Mystik pur gibt es auf dem Calton Hill in Schottlands Hauptstadt Edinburgh. Fotos: Lena Tichy Das Klischee stimmt: Die meisten Schotten lieben ihre Kilts über alles.

„Nur weil wir es uns nicht leisten können, von England unabhängig zu sein, heisst das noch lange nicht, dass wir uns als einen Teil davon sehen. Wir sind Schotten, so einfach ist das.“ Soweit zum Selbstverständnis meiner in Aberdeen, im Norden Schottlands, geborenen Freundin Lindsay. „Du würdest es also nicht mögen, als Engländerin bezeichnet zu werden?“ Zum ersten Mal seit ich sie kenne, nimmt ihre Stimme einen sehr gereizten Ton an: „Nein, gar nicht“, sagt sie. Es war, als ob ich sie gefragt hätte, ob sie lieber mit Freddy Kruger oder mit Johnny Depp verheiratet wäre.

Wettervorhersagen

Gesegnet mit ausdrucksstarken Landschaften, grossen Schriftstellern, mehr Schlössern als Strassenlaternen und einem enormen Ölvorkommen bleibt es für viele Schotten unbegreiflich, warum sie seit 1707 zu England gehören. Wer als Ausländer dieser Frage auf den Grund gehen möchte, sei gewarnt: Es ist nicht unbedingt ein Smalltalk-Thema.

Über alles Andere jedoch schwatzen die Schotten liebend gern. Und über etwas ganz Bestimmtes reden sie sogar noch lieber: Das Wetter. Meteorologische Vorhersagen sind ein garantierter Lacher, weil es immer wieder faszinierend ist, wie viel Mühe sich jemand gemacht hat, etwas anzukündigen, was sich alle dreissig Sekunden ändert.

Nationalsport

Die Fröhlichkeit der Schotten ist so besonders, weil nichts sie zu zerstören scheint. Selbst im allabendlichen Supermarktgedrängel, wenn es draussen in Strömen regnet, sind die meisten noch zum Scherzen aufgelegt. Woher sie ihre gute Laune haben, ist allerdings nicht schwer zu erraten: Trinken ist, ebenso wie in England, ein Nationalsport und wird täglich nach fünf Uhr mit viel Ausdauer und Disziplin betrieben. Bevor man die Schotten aber als ein Volk von Alkoholikerinnen und Alkoholikern abstempelt, geht man besser selbst mal in ein Pub, lässt die Stimmung wirken und überlegt sich, wann man das letzte Mal in der Schweiz soviel Spass hatte.

Bleibt noch die Landwirtschaft. Da hat Schottland mit seinen fast täglichen Regenfällen ebenfalls die Nase vorn. Grüner ist vielleicht nur noch Irland. Aber dort hört man keine Dudelsäcke.

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