Kultur | 06.11.2006

„Es ist gut, sich mal schlecht zu fühlen“

Text von Martin Sigrist
Sie war das Gesicht von Skunk Anansie. Und darauf ist sie stolz. Aber vor fünf Jahren fing sie noch einmal ganz neu an, startete ihre eigene Solokarriere: Skin. Tink.ch traf sie vor ihrem Konzert in Zürich in ihrem Hotelzimmer und sprach mit ihr über Trauer und Glück, Kunst und Kritik, Angst und Hoffnung.
Skin in Hochform. Fotos: Martin Sigrist Perfekte Selbstdarstellung irgendwo in den Höhen des Konzertsaales. Schmusekatze und Wildtiger: Gekonnte Wechsel während des 90-minütigen Konzertes im Zürcher X-tra.

Skin greift in ihren Snackteller und gönnt sich einen letzten Blick auf das Programm von CNN. Sie wirkt auf den ersten Blick erstaunlich ruhig und kühl, doch das ändert sich im Laufe des Gesprächs.

Ich erlebe dich hier völlig anders als auf der Bühne. Du bist viel ruhiger und stiller. Wurde Skin nicht zu sehr ein Produkt, eine Kultfigur mit entsprechenden Erwartungen deiner Fans. Wie gehst du damit um?  

Ich fand es schon immer schlecht, wenn man sich zu sehr an solchen erzeugten Bildern von einem selbst orientiert. Darum lese ich auch nie Fanpost. Da kannst du unglaubliche Sachen lesen wie dich die Leute sehen, was sie glauben, wer du bist. Aber du bist’s nicht. Oder die Leute hassen dich wegen Dingen die eigentlich nicht sind. Da will ich mich gar nicht erst darauf einlassen. Es ist bloss wichtig einen eigenen Eindruck von sich selbst zu haben. Ich will mich daher selbst gut kennen. Ich hüpfe nicht auf der Bühne rum nur weil die Leute es so wollen. Das wäre sehr unehrlich. Ich bin immer mich selbst, immer immer immer, ich will mich nicht für gewisse Leute verändern.  

Hast du damit schon Probleme bekommen, gerade von Seiten der Musikindustrie?

Wenn ich mich darum kümmern würde, jemand anders als mich selbst zu sein, dann würde ich wohl nicht Rockmusik machen. Dann wäre ich Background Sängerin bei einem grossen Amerikanischen Musiker oder würde tanzen wie die Pussycat Dolls. Ich bin die Person, die ich bin, weil es mich nie gekümmert hat, was andere Leute über mich denken. Ich lasse mich von fremden Erwartungen nicht in eine andere Hülle zwängen.  

Ich weiss nicht wie sehr du Fragen bezüglich Skunk Anansie noch hören kannst.

Ich bin sehr stolz auf meine Jahre mit Skunk Anansie. Es gibt immer Leute wie du, die das Gefühl haben, dass ich nicht mehr darüber reden mag. Aber es war eine tolle Zeit in meinem Leben. Ich bin sehr stolz und es ist wunderbar eine so starke historische Basis zu haben. Wir waren eine tolle Band und es war sehr aufregend. Aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Es war Zeit, weiter zu gehen.

Wie war die Erfahrung für dich, nochmals unten anfangen zu müssen, mit weniger Plattenverkäufen, kleineren Konzerten? 

Es war mir klar, dass es als Solomusikerin nicht gleich so weiter gehen konnte wie mit der Band. Ich brauchte Zeit meinen eignenen Stil zu finden. Nach fünf Jahren scheint es, als ob ich diesem Punkt des absoluten Glücks etwas näher komme.

Was meinst du damit? 

Ich will einfach Zufriedenheit und dazwischen Funken von Glück. Ich bin glücklich. Das weiss ich aber nur, wenn ich gelegentlich auch unglücklich bin. Menschliche Erfahrung besteht aus so vielen verschiedenen Gefühlen. So sind auch meine Songs. Seit ich tue, was ich liebe, habe ich auf jeden Fall vermehrt solche Funken des Glücks.  

Glaubst du, dass die Leute nun über deine Vergangenheit bei Skunk Anansie hinweg sind?  

In Wirklichkeit war ich Skunk Anansie. Ich habe die Band gegründet, den Namen erfunden, die Songs geschrieben, die Musiker gesucht. Ich war das Gesicht der Band. Klar habe ich nicht alles selbst gemacht, aber ich war ein wichtiger Teil, ich habe die Band zusammen gehalten. Wenn ich nun negativ über Skunk Anansie sprechen würde, dann wäre das als ob ich meinen eigenen Fuss abschneide. Ich bin sehr stolz auf diese Band und wenn Leute über Skunk Anansie sprechen, macht mich das glücklich.  

Ist auf deiner neuen Platte „Fake Chemical State“ mehr deines Glücks zu finden?  

Ja, es ist ganz bestimmt eine viel fröhlichere Platte, als die davor. „Fleshwounds“ war ein sehr dunkles negatives Album. Ich hatte noch immer Ketten von Skunk Anansie an meinen Beinen, die mich runter zogen, leider nicht die Flügel von Skunk Anansie, die mich hätten fliegen lassen. Ich war damals viel mehr mit dem Negativen beschäftigt. Aber das Album war für mich eine Art Therapie. 

Jetzt mache ich mein eigenes Ding, meinen eigenen Sound und ich bin damit sehr glücklich. Das ist, was ich bin.

Gerade „Fleshwounds“ ist aber ein wunderbares Album, um es bei gebrochenem Herzen stundelang anzuhören.

Ja, es ist gut, sich mal schlecht zu fühlen, traurig und unglücklich zu sein. Man darf auch mal weinen, während man dieses Album hört. Das ist schön und sehr befreiend. Es ist gut, ab und zu traurig zu sein. Wenn es dir dann wieder besser geht und du die Extreme erlebt hast, dann kannst du besser beurteilen warum du glücklich bist, weil du den Unterschied kennst.

Magst du es, wenn Leute deine Texte interpretieren, und dann genau zu wissen meinen, was du damit sagen wolltest?  

Das gehört zur Kunst dazu. Es stellt sich die Frage, wie gut du eine Idee in deinem Kopf für andere Leute übersetzen kannst, sei es in Form eines Bildes, einer Skulptur oder eines Songs. Manche Leute können das ganz gut, und das sind die wirklich guten Künstler. Wenn dein Werk mal draussen ist, ist es draussen. Wenn du dann versuchst, deine Meinung oder deine Einstellung dazu den anderen Leuten aufzuzwingen, lässt du das Werk nicht frei. Du musst die Leute darüber denken lassen, was sie wollen. Manchmal ist das sehr lustig und manchmal sehr komisch. Da zeigt sich die individuelle menschliche Erfahrung. Das finde ich sehr spannend.

Bei Skunk Anansie haben wir zu sehr darauf geachtet, was wir wie sagen wollen. Jetzt sage ich Dinge verschwommener. Ich sage den Leuten nicht, was sie über meine Musik denken sollen, sie sollen ihre eigenen Eindrücke haben.  

Bist du trotzdem darauf bedacht, dass gewisse Sachen beim Publikum ankommen? 

Ich glaube schon, dass die Dinge, die ich will, rüber kommen. Aber es gibt immer Leute die es ganz anders sehen und verstehen, egal wie klar meine Aussage sein mag. Das ist der Punkt, wo man seine Kunst frei und andere Leute daran teilhaben lassen soll. Wenn du nicht willst, dass Leute ihren Finger drauf halten, dann musst du die Sachen in deinem Schlafzimmer behalten. Aber auf die Art wirst du nie wachsen. Mich stört es nicht, wenn Leute genau hinsehen.  

Das kann auch scharfe Kritik mit sich bringen.  

Ja, die hatten wir schon bei der ersten Single mit Skunk Anansie. Wir ernteten massive Kritik. Jeder Künstler sollte kritisiert werden. Schau doch nur was mit Regierungen passiert, die nicht anständig kritisiert werden. Sie werden trunken von ihrer Macht. Wenn jemand blöde Kritik schreibt, dann ignoriere sie halt. Ich lese sie nie, um ehrlich zu sein.

Es ist sehr traurig, dass man nun nicht mehr Witze machen und kritisieren darf. Gerade in der Religion und Politik wird immer gleich alles falsch aufgefasst. Das ist sehr gefährlich, weil die Leute ohne Kritik zu mächtig werden. Sie sitzen dann auf ihrem Berg, sind unerreichbar und verlieren die Perspektive für die Dinge , die wirklich wichtig sind. Ich mag es wenn ich kritisiert werde, was hätte ich denn sonst für eine Meinung von mir.  

Hast du manchmal Angst? 

Ich habe Angst vor vielen Dingen, die ich jeden Tag höre und lese, politische und ökologische. Es ist so beängstigend, in welche Richtung wir uns auf diesem Planeten bewegen. Ich habe gelesen, dass wir etwa viermal soviel verbrauchen, wie uns unser Planet geben kann. Das macht mir Angst.

Aber du bist voller Hoffnung?  

Ja, ich versuche es. Verzweiflung hilft dabei. Was bliebe denn ohne Hoffnung noch zu tun. Ich könnte mich irgendwo verstecken und sterben. Okay, viele Leute auf der Welt tun das. Die entscheiden sich dafür, nicht mehr zu existieren. Ich bin jedoch eine sehr optimistische Person. Ich schaue lieber nach vorne.

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