Kultur | 13.11.2006

Die Umwelt und Umgebung verführen

Nach dem Motto "Kunst für unterwegs" realisierten Jugendliche und Erwachsene in Zug die erste öffentliche Poetry Gallery. An zwei Wochenenden konnten Teilnehmende in einem Workshop Schritt für Schritt eigene poetische und spielerische Zitate und Verse erarbeiten.
Poetische Verse schmücken die Viaduktbögen der Eisenbahnbrücke. Fotos: Marisa Lustenberger Die Teilnehmer des Workshops beim Eröffnungsapero der Poetry Gallery. Spruch von Ramon Bachmann: Den Passanten wird etwas zum Überlegen mitgegeben. Die Workshopteilnehmer Kongphop, 15, und Warocha, 14, besuchen die Integrationsschule von Zug. Begeisterter Teilnehmer Projekts: Ramon Bachmann, 27, aus Zug. Beeindruckt von der gelungenen Arbeit der Workshopteilnehmer: Samuel Haettenschweiler, Projektleiter der Poetry Gallery.

Wer in Zug durch die Strassen bummelt, bemerkt die alten Bahnviaduktbögen zwischen der Poststrasse und der Gotthardstrasse kaum. Doch das hat sich nun geändert, denn mit ihren frisch gestrichenen weissen Wänden und den schwarz darauf gepinselten Versen und Sätzen sind die Viaduktbögen ab sofort unübersehbar. Hingeschrieben und gemalt haben die Zitate die Teilnehmer des Workshops vom Projekt Poetry Gallery. Pro Bogen kann man sich nun in ein Land voller verschiedener Gedanken, Träume und Weisheiten lesen.  

Die Überlegungen hinter dem Projekt

Das Projekt ist eine Intervention im öffentlichen Raum. Jugendliche und Erwachsene haben die Möglichkeit das Stadtbild mit ihren Gedanken zu beleben und zu beeinflussen. Die Poetry Gallery soll keine direkten politischen Statements ausführen, sondern die Umwelt und Umgebung verführen und sensibilisieren. Die Zitate sollen sich auf den Alltag beziehen und die Gedanken junger Leute und Minderheiten widerspiegeln. Den Passanten soll auf dem Weg durch die Stadt etwas zum Überlegen mitgegeben werden. Durch diese Verständigung kann eine Brücke von jungen Erwachsenen und fremdsprachigen Menschen zu gewohnheitsbedürftigen Menschen gebaut werden.          

Tink.ch hat mit Teilnehmenden des Workshops und dem Projektleiter gesprochen, um einen Einblick in deren Eindrücke und Gedanken zu erhalten.

Welchen Vers habt ihr gestaltet?

Kongphop und Warocha: „schlafen, lachen ist auch Freiheit. Weinen auch“  

Was hat euch an dem Workshop am meisten beeindruckt?

Kongphop: Wir konnten das erste Mal mit Schweizern in einem Team zusammenarbeiten. Dies war eine sehr schöne Erfahrung für uns. Das Spielen und Ausprobieren mit Worten und Text fand ich sehr interessant.

Warocha: Mir hat der Workshop richtig Spass gemacht. Wir hatten Kontakt mit anderen Leuten. Das hat mir gefallen.

Wie lautet dein Vers?

Ramon Bachmann: Man findet in mehreren Sätzen Anregungen und Elemente von mir. «dein Hemd spricht Lippen« und «Auf lade geh rät ver mist« sind von mir.

Was hast du im Workshop gelernt, was du vorher noch nicht wusstest?

Ramon Bachmann: Den Weg, wie man aus Teilen verschiedener Sätze zu einem Zitat gelangen kann, finde ich bemerkenswert. Ich habe gelernt, dass man gewisse Sachen zuerst genau anschauen und darüber nachdenken sollte, bevor man über sie urteilt.  

Was findest du interessant an dem Projekt?

Ramon Bachmann: Die Sprüche auf die Viaduktbögen zu schreiben, finde ich eine überlegte Sache. So wird die Umgebung besser wahrgenommen.  

Hat ein Workshop dieser Art im Kulturprogramm von Zug gefehlt?

Ramon Bachmann: Ja auf jeden Fall. Es ist mal eine andere Art Kunst, die gezeigt wird. Das Projekt Poetry Gallerie ist sehr gesellschaftskritisch und doch zeigen sich die beschriebenen Bahnviadukte plakativ in der Werbeumgebung. Vielleicht schätzt man die Viadukte nun, da sie auffälliger sind, mehr.    

Wie bist du auf die Idee gekommen eine Poetry Gallery zu veranstalten?

Samuel Haettenschweiler: Ich bin Student an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich und dieses Projekt ist Teil meiner Diplomarbeit. Ich absolvierte ein halbes Jahr am Lehramt für freie Kunst in Berlin und wollte danach Gelerntes hier in Zug in einem Projekt umsetzen. Randgruppen, Aussenstehende und integrationsbedürftige Menschen sollten auch einmal eine Chance bekommen, etwas zu sagen oder mitzuteilen. 

Wie gefällt dir das Endprodukt deines Projektes?

Samuel Haettenschweiler: Selber konnte ich mir noch kein genaues Bild davon machen, da die Wände erst gerade fertig bemalt wurden. Aber von den ersten Reaktionen her scheint die Poetry Gallery sehr gut anzukommen.

Ich bin sehr beeindruckt von den Teilnehmern, die wunderbar mitgemacht und gute Texte geschrieben haben. Obwohl es manchmal stressig war, haben alle mitgeholfen. Ich hatte gar kein richtiges Schlussbild vor Augen, denn ich musste dieses Projekt sehr flexibel angehen. Wichtig war mir einfach, dass die Sätze schlussendlich mit den Passanten kommunizieren können und die Mitmenschen berühren.

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