20.11.2006

Die Polizei lässt gegen die Gewalt rocken

Text von Martin Sigrist
Am 11. November fand in Pratteln zum dritten Mal der Poligroove statt. Unter dem Motto "Regle statt schlegle - Gewalt, nein danke" organisierte die Polizei Basel-Landschaft für Jugendliche eine Konzertveranstaltung gegen Gewalt.
Präventionsarbeit der Baselbieter Polizei. Fotos: Martin Sigrist Schau und Information. Willkommen an der Party bei der Polizei. 6erGascho: Hiphop statt schlegle. Gegen Gewalt mit dem Bruder: Mañana im Blaulicht.

Vor dem Eingang zum Z7 in Pratteln stehen zwei Polizeifahrzeuge und eine ganze Armada Angehöriger der Polizei Basel-Landschaft. An diesem Abend werden die Besucher nicht nur vom normalen Sicherheitspersonal, sondern auch von der Polizei begrüsst, Ausweiskontrolle inklusive. Diese dient aber ausschliesslich der Feststellung des Alters und der damit verbundenen Abgabe des entsprechenden Armbändels, denn Alkohol soll an diesem Abend nicht jeder bekommen. Einlass wird ab 14 Jahren gewährt, in Begleitung der Eltern auch darunter.  

Vier Bands von Basel und anderswo sollen mithelfen, die Botschaft gegen Gewalt zu verbreiten. Die Polizei hat diese Form von Anlass gewählt, da sie sich erhofft, mittels Konzerten ihre Präventionsbotschaften am besten zu den Jugendlichen bringen zu können, die Hemmschwelle gegenüber der Polizei zu senken sowie das Image des bösen Bullen zu korrigieren.  

Kostenlose Kondome und Indie-Rock  

Immer wieder wird während des Abends auf das Motto „weniger Gewalt“ aufmerksam gemacht, sei dies zwischen den Shows oder durch Promis auf Leinwänden, die über ihr Verhältnis zu Gewalt oder von ihren Erfahrungen berichten.  

Es bleibt unübersehbar, dass dies ein Anlass der Polizei ist, denn immer wieder sind uniformierte Personen einschliesslich Dienstwaffe im Publikum zu sehen, sogar im Backstagebereich, der zu deren Pausenraum geworden ist. Das Publikum scheint sich schnell nicht mehr darum zu kümmern, denn die Polizisten halten sich zurück und sind freundlich. Die Polizei gibt sich bewusst zurückhaltend, denn sie will nicht den Mahnfinger schwingen sondern zum freiwilligen Dialog mit ihren Jugendsachbearbeitern laden.

Kostenlose Kondome mit dem Aufdruck „Sicherheit in allen Lagen“ werden verteilt. Damit beschreitet die Polizei neue Wege, die beim Publikum auf besondere Begeisterung stösst. Ein erfolgreicher Versuch, die jungen Leute an den Info-Stand zu locken und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.  

Nicht nur Kondome, auch die Bands scheinen Publikum nach Pratteln zu locken. Sepia eröffnet den Konzertabend, danach machen sich die Hiphopper 6er Gascho aus Bern daran, dem Publikum weiter einzuheizen. Immer wieder verweisen die Künstler auch während ihrer Auftritte auf das Motto des Abends.

Die Stimmung wird zusehends besser und als die beiden Basler Indie-Bands Mañana und Whysome auf die Bühne treten, ist schon fast vergessen, dass die Halle noch immer nur zu knapp einem Drittel gefüllt ist.  

Eine doppelte Hemmschwelle  

Viktor von Whysome verrät, dass seine Band am Poligroove für eine ganz normale Gage auftrete, da andere Anlässe eher nach einem sozialen Engagement verlangten. Die Stimmung am Poligroove beschreibt er als seltsam, insbesondere da hier Polizisten sogar im Backstage Bereich bewaffnet rumlaufen würden, was die Hemmschwelle gegenüber der Polizei nicht gerade abbaue. An einem solchen Anlass zu spielen, sei aber ganz gut mit der Band vereinbar, denn das Motto des Abends sei kohärent mit ihrem eignenen. Schon immer seien sie gegen Gewalt auf der Bühne gestanden. Mit der Musik könnten sie an diesem Abend die ihre und die Botschaft der Polizei rüber bringen. Bei ihrem Stil von Indie-Rock sei wohl die Hemmschwelle nicht so hoch, wie beispielsweise bei Hiphop, wo die Fans womöglich bereits vermehrt negative Erfahrungen mit der Polizei im Ausgang gemacht hätten. Trotzdem sei es eine doppelte Überwindung hierher zu kommen, zum einen ins Z7 nach Pratteln und zum zweiten an einen Anlass der Polizei.  

Es herrscht Ratlosigkeit  

Die Besucherzahl bleibt weit hinter den Erwartungen der letzten beiden Male zurück. Waren es 2004 noch fast 1000 Besucher, sind es dieses Jahr nicht mal die Hälfte. Ob es an der Herbstmesse liegt oder an dem gestiegenen Misstrauen gegenüber einem Anlass der Polizei ist unklar. Die Veranstalter sind nach der erfolgreichen Auflage vor zwei Jahren etwas ratlos. Schliesslich werden den Besuchern zum Preis von zehn Franken pro Person vier Bands, ein kostenloses Getränk sowie ein Shuttlebus innerhalb des Kantons geboten. Vielleicht ist das alles nicht genug, wenn der Gastgeber die Polizei ist.  

Rückblickend bleibt zu sagen, dass die meisten Besucher Spass hatten, denn es wurde viel Musik für wenig Geld geboten. Ob die Polizei damit wirklich Gewaltprävention betrieben hat, bleibt jedoch fraglich. Das Motto scheint an den meisten Besuchern zumindest auf den ersten Blick eher spurlos vorbei gegangen zu sein. Dass Leute ihren Samstagabend an einem Polizeianlass verbracht haben, kann jedoch vielleicht schon als Erfolg verbucht werden.

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