Gesellschaft | 27.11.2006

Der Kampf um die Freiheit gefangen zu sein

Bisher konnte man sich seine Zigarette ungeniert anzünden, wo man wollte. Im Raucherzimmer des Spitals oder neben dem Aschenbecher auf dem Schulhof. Dies wird auch so bleiben, aber nur bis zum ersten Januar 2007. Dann tritt in Solothurn ein neues Gesundheitsgesetz in Kraft. Ein lobenswerter Fortschritt. Lobenswert genug?
Mögen wir bald alle gesund werden und in einem schönen System ohne Eigenverantwortung glücklich bis ans Ende unserer Tage leben können. Werbung der Lungenliga Solothurn: scharfsinnig und einleuchtend Diese werden es nicht mehr schaffen uns zu töten
Bild: Philipp Köhler Sollen sie doch raus gehen, diese Asozialen. Felix Becker

Rauchen ist etwas Böses, das hat uns die Prävention gesagt. Ausserdem soll Solothurn auch bald die schönsten Frauen von Europa haben, so wie Schweden. Bis es soweit ist, können wir Solothurnerinnen und Solothurner uns an dem strengsten Tabakgesetz der Schweiz erfreuen. Die Tatsache, dass in der Schweiz pro Jahr über hundert Menschen am Passivrauchen zu Grunde gehen, war nur einer der guten Gründe, warum ein Ja an diesem schönen Wahlsonntag mehr als notwendig war. Die intoleranten Raucher kümmert das ja wohl wenig, diese Asozialen. Da musste einfach ein Gesetz her. Denn über hundert Menschen pro Jahr sind ganz schön viele, das könnte man schon fast als Massenmord bezeichnen. Man muss schon sehr weit suchen um noch schlimmere Schweizer Genozide zu finden. Etwa die Autoindustrie mit ihren Verkehrstoten ist noch ein bisschen schlimmer. Die befördert jährlich gleich mehrere hundert Menschen ins Grab. Im Jahr 2005 waren es etwa 400.

Da könnte ja jeder kommen

Vor einem Rückgang der Beliebtheit von Beizen, Bars und Discos müssen wir uns keineswegs fürchten, denn schliesslich gibt es ja mehr Solothurnerinnen und Solothurner, die nicht rauchen. Vielleicht sind es auch nur mehr die Nichtrauchenden, die abstimmen gehen. Jedenfalls ist es nur logisch, wenn wir diese ab nächstem Jahr vermehrt in Gaststätten antreffen werden. Also ist es auch ableitbar, dass Restaurants dank diesem neuen Gesetz mehr Umsatz erzielen werden. Warum Betreiber solcher Orte nicht selbst auf die Idee gekommen sind, ein Rauchverbot einzuführen, weiss ich auch nicht. Und warum sie in die Opposition gegangen sind, kann ich erst recht nicht nachvollziehen. Von wegen Gewerbefreiheit. Da könnte ja jeder kommen. Die muss man eben zu ihrem Glück zwingen, mit Sicherheit werden sie mehr verdienen als vorher. In anderen Ländern war das ja auch so.

Wie gerne wäre ich jetzt in Schweden

Mit der Gesundheit verhält es sich wie mit der Schönheit, gewisse Einschränkungen – Pessimisten mögen es Leiden nennen – gehören einfach dazu. Auch in dieser Hinsicht sollte Schweden zu unserem Ideal werden. Die sind uns dort drüben nämlich einen Schritt voraus, zum Beispiel mit dem Umgang des Alkoholproblems. Um den übermässigen Konsum einzudämmen, eignete sich der Staat das Monopol an Getränken, deren Alkoholgehalt 3,5 Prozent übersteigt, an. Es hat funktioniert. Seither wird deutlich weniger getrunken. Denn die gesundheitsliebenden Staatsmänner und Staatsfrauen haben nicht nur die Steuern auf solche Getränke massiv erhöht, sondern auch noch zusätzliche knifflige Hindernisse und Gesetze eingebaut.

Die Lösung aller Probleme

Wenn wir schon dabei sind uns das Leben mit rauchfreien Beizentouren und qualmlosen Spitalaufenthalten zu verschönern, sollten wir uns eigentlich auch um unsere Sicherheit Gedanken machen. Was nützen uns Gesundheit und die beste Prävention gegen Krebs, wenn wir doch vom nächsten Kriminellen abgestochen werden? Dazu sollten wir England zum Vorbild nehmen. Dort wurde zur Bekämpfung von Kriminalität und natürlich auch von Terrorismus die Totalüberwachung eingeführt. Auf 14 Bewohner eine Überwachungskamera. Und klar hat es funktioniert. Seit 1995 gingen Straftaten stetig zurück. Wo doch die Anzahl der Verbrechen im glorreichen Königreich in den letzten hundert Jahren immer nur gestiegen ist.

Die Mutter aller Probleme

Man erkennt also schnell: Die Mutter aller Probleme ist unsere Freiheit. Sie allein ist dafür verantwortlich, dass tagtäglich so viele Menschen sterben. Sie ist der Grund warum wir es nicht schön haben hier. Wir müssen sie eindämmen. In Holland etwa ist es erlaubt, Marihuana zu konsumieren. Deswegen müssen dort auch mehr Leute als sonst wo regelmässig den Psychiater besuchen. In Amerika, wo jeder Idiot zu einer Schusswaffe gelangt, werden – wer hätte es gedacht – weltweit die meisten Menschen erschossen. Solche Beispiele gibt es zuhauf. Wo die Menschen frei sind, passiert etwas Dummes, Unproduktives. Und die Bevölkerung stirbt in Massen. Sei es durch Passivrauch, Schusswaffen oder Autounfälle. Der Mensch kann mit Freiheit einfach nicht umgehen und das will er auch gar nicht.

Ein Hoch auf die Vorzeige-Demokratie

Ein rauchfreies Solothurn ist natürlich ein akzeptabler Anfang. Ich fordere jedoch mehr. Die ganze Schweiz, ja die ganze Welt, soll rauchfrei werden. Wir wollen schliesslich gesund sein. Und eine Kamera auf 14 Bewohner brauchen wir hier sowieso schon lange, besser wären noch mehr. Wir wollen schliesslich sicher sein. Der freie Mensch ist gefährlich, setzen wir dem kollektiven Selbstmord ein Ende. Erfinden wir neue Gesetze, viele neue Gesetze. Mögen wir bald alle gesund werden und in einem schönen System ohne Eigenverantwortung und dergleichen glücklich bis ans Ende unserer Tage leben können. Ohne Sorgen, ohne Zweifel, ohne Nichts.