Gesellschaft | 14.11.2006

Bürgerjournalismus im Aufwind

Text von Anita Kupper
Vom 29. Oktober bis 2. November fand in Berlin der Jugendmedien-Kongress der Europäischen Jugendpresse statt. Neben der Hauptfrage, wie die Pressefreiheit im Hinblick auf die Religionsfreiheit und der kulturellen Meinungsfreiheit zu werten sei, wurde auch die Zukunft des klassischen Journalismus diskutiert.
40 junge Medienmacher aus zwölf Ländern diskutierten am grossen Tisch. Fotos: EYP Michael Klehm, Ansprechperson für Internationale Beziehungen des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV), referierte über das Thema Bürgerjournalismus.

Schwerpunktthema des diesjährigen Jugendmedien-Kongresses der Europäischen Jugendpresse (European Youth Press, EYP) war die Gegenüberstellung der Pressefreiheit und der Religionsfreiheit, beziehungsweise der kulturellen Meinungsfreiheit. Dabei wurde vor allem der Karikaturen-Konflikt, der nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im dänischen Blatt Jilands Posten entstanden ist, von den jungen Medienmacherinnen und Medienmachern diskutiert.

Nach einer Podiumsdiskussion mit angesehenen Journalistinnen und Journalisten, erarbeiteten die Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmer verschiedene Beiträge zur Problematik. Die Resultate in Text-, Bild- oder Podcastformat sind auf der Internetplattform Orangelog.eu zu finden.

Citizen Journalism

Nach Kongress-Programm sollte Referent Michael Klehm, Ansprechperson für Internationale Beziehungen des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV), eine Einführung zum oben beschriebenen Hauptthema geben. Stattdessen entschied er sich spontan die Anwesenden über eine weitere Herausforderung des Journalismus zu informieren: citizen journalism, Bürgerjournalismus. Diese moderne Form des Journalismus bezeichnet den Trend vieler Medien, ihr Zielpublikum als Hobby-Journalisten zu nutzen. Leser werden von Zeitungen aufgefordert mit ihren Handys das beste Bild von Robbie Williams während dessen Konzert zu schiessen, Amateur-Filmer senden den Fernsehstationen Aufnahmen der neuesten Geschehnisse in ihrer Umgebung und Blogger präsentieren ihre Meinung im Internet der Öffentlichkeit.

Die Gefahr des Bürgerjournalismus liegt für die Journalistinnen und Journalisten des DJV klar auf der Hand: Je mehr Hobby-Journalisten ihre Bilder, Texte und Videoaufnahmen an die Medien weitergeben, desto weniger Arbeit gibt es für Berufsjournalisten, die den klassischen Journalismus betreiben. Laut Michael Klehm würden angehende Journalistinnen und Journalisten früher oder später mit dieser Entwicklung konfrontiert. Schon heute gäbe es immer weniger Festangestellte, und freie Journalisten hätten um ihre Arbeit zu kämpfen. Allein in Deutschland haben in den letzten fünf Jahren 7000 Festangestellte im Medienbereich ihre Stelle verloren. Michael Klehm betonte, dass er nicht glaube, dass der Bürgerjournalismus den klassischen Journalismus verdrängen werde. Aber: „Es wird neue Spieler auf dem Spielfeld geben und das muss jeder Jungjournalistin und jedem Jungjournalisten bewusst sein.“

Flexibilität und Selbständigkeit sind gefragt

Nach diesem ersten Überblick von Seiten Michael Klehms wurde die Diskussion zum Thema eröffnet. Sogleich kamen kritische Stimmen aus der Runde der Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmer, die offenbar optimistischer in die Medienzukunft schauen. Ein Redner beispielsweise vertrat die Meinung, dass auch künftig Qualität erfolgreich sein werde, da das Zielpublikum diese von den Medien erwarte. Michael Klehm zeigte sich einverstanden, wies aber nochmals darauf hin, dass sich das Arbeitsumfeld junger Journalisten in den kommenden Jahren stark verändern werde. Daraus folgt, dass sich Berufsjournalisten durch ihr Können und ihre Flexibilität behaupten müssen, um im harten Mediengeschäft über Wasser bleiben zu können und nicht von Bürgerjournalisten verdrängt zu werden. Weiter machte Michael Klehm darauf aufmerksam, dass ein künftiger Journalist – im Gegensatz zu früher – nicht nur Interviews zu machen hätte, er müsse auch die technischen Abläufe verstehen und beherrschen. Beim Fernsehen müsse der Redakteur zum Beispiel das gedrehte Interview auch schneiden, den Ton auspegeln, die Einblender setzen. Kurz: „Ein künftiger Journalist muss fähig sein, selbständig einen gesamten Beitrag sendefertig zu produzieren.“

Printmedien stehen unter Druck

Die Diskussion verlagerte sich auf die jetzige und künftige Situation im Internet. Michael Klehm erklärte den Anwesenden, dass Zeitungen Onlineportale einrichten müssten, um ihre Werbeeinnahmen weiterhin zu sichern. Viele Firmen machen heutzutage Werbung auf ihren eigenen Websites oder lassen ihre Produkte von Bloggern in den höchsten Tönen loben, anstatt wie früher eine kleine Anzeige in der regionalen Tageszeitung zu schalten. Da es Printmedien dadurch schwer haben, sich im Werbemarkt durchzusetzen, eröffnen sie ihre eigene Internetseite, wo sie wieder Chancen haben, an Werbegelder ranzukommen.

Meinungsbildung durch Blogs

Die Popularität und der Einfluss von Blogs sind nach Michael Klehm nicht zu unterschätzen. So zeigen zum Beispiel die Wahlen in den USA auf, dass Blogger mit ihren Meinungen ihre Leser stark beeinflussen können. Es stellt sich die Frage, ob sich der klassische Journalismus in Zukunft gegen die Meinungsbildung durch Blogs durchsetzen kann. Dabei ist es Michael Klehms Überzeugung, dass Journalismus bei der Meinungsbildung „in gewisser Hinsicht lenken soll“, damit diese nicht nur von der Mainstream-Meinung geprägt ist. Daraufhin meinte ein Kongressteilnehmer, dass er Blogs toll fände, da sie zum Dialog zwischen den Menschen und dadurch auch zur Meinungsbildung und Demokratie führten. Eine weitere Person war der Ansicht, dass Blogs mit einem Tratsch im Dorfladen vor 50 Jahren verglichen werden können.

Heutzutage bestehen Bekanntschaften und Freundschaften über die eigenen Landesgrenzen hinaus und so erfinden Menschen neue Formen der Kommunikation übers Internet. Der Sprecher meinte dazu, er arbeite im Ausland und führe einen Blog, weil er schlicht und einfach zu faul sei, jeden Tag 100 Emails zu versenden.

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