Kultur | 20.11.2006

„Als ob man vergewaltigt würde“

Text von Martin Sigrist | Bilder von Barbara Ineichen.
Der knapp 30-jährige Deutsche Sänger, Pianist und Gitarrist Maximilian Hecker knüpft mit seinem neusten Album "I'll be a Virgin, I'll be a Mountain" an seine Musik an. Seine Lieder bezeichnet er als Pophymnen. Mit Tink.ch sprach er über seine Beziehung zu Musik, zu Journalisten und nicht zuletzt zu sich selbst.
Maximilian Hecker: "Einfach nur Popmusik wäre mir zu trivial." Fotos: Martin Sigrist 90 Minuten Sehnsucht auf der Bühne der Boa in Luzern. Tink-Reporter Martin Sigrist mit Maximilian Hecker (rechts)
Bild: Barbara Ineichen.

Du hast eine neue CD dabei, „I’ll be a Virgin, I’ll be a Mountain“. Was ist neu, was ist anders?

Das herauszufinden ist ja die Aufgabe des Journalisten. Ich mache meine Musik aus dem Bauch heraus, bin nur ein Sklave der Ideen, und der Journalist beschreibt dann was anders ist. Das gehört scheinbar dazu.

Von der Intention ist nichts anders und das neue Album klingt genauso wie alles vorher. Es ist etwas spärlicher instrumentiert als früher, hat weniger Bandmusik als „Singer Songwriter“, dafür mehr Gitarren. Es geht eher in Richtung Folk. Früher war meine Musik an Vorbildern wie Radiohead orientiert.  

Es wird kritisiert, dass dein erstes Album ganz toll war, deine Musik aber seither stehen geblieben ist.

Ich versuche nachzuvollziehen was die meinen, komme aber nicht darauf. Für mich ist wichtig, dass es mir gefällt, dass es schön klingt. Wenn dann bei der zweiten Platte keine neue Bedeutung oder keine Neuerung auftritt, dann ist es für mich trotzdem gelungen und für den Journalisten halt misslungen.  

Verstehst du diese Erwartungen an Musiker, dass sie sich immerzu verändern sollen?

Vielleicht müssen sie das, wenn sie langfristig kommerziell Erfolg haben wollen. Die Leute brauchen neue Anreize, um die Sachen zu kaufen. Aber sobald man sich dazu zwingen würde, wäre das nicht mehr authentisch. Bei mir kommt das nicht in Frage. Bei anderer Musik, die sehr auf ein gewisses Publikum ausgerichtet ist oder für ein Radio gemacht wird, ist dieser Zwang durchaus nachvollziehbar.  

Und für wen ist deine Musik?

In erster Linie für mich, und für den, der sie sich anhören will.  

Hast du eine Vorstellung wer das sein könnte?

Nö. Nach den Konzerten kann man mal rumschauen, wer so da ist. Diesmal sind es vermehrt ältere Leute, also so 30 bis 50-Jährige, was ein erfreuliches Zeichen ist. Das sind meistens Leute, die sich tatsächlich für die Musik interessieren und nicht für die Mode oder das Aussehen der Musiker.  

Magst du älteres Publikum lieber?

Das Thema Publikum ist schwierig, aber es ist mir natürlich recht, wenn das Publikum sich angesprochen fühlt, sich in meiner Musik wieder findet, mich versteht und eben nicht ans Konzert kommt weil die Band eine lustige Show macht oder weil sie gerade ein Hype ist.  

Aber du hast bei deiner letzten Platte auch vom Hype profitiert.

Ja klar, das hilft. Aber auf lange Sicht kann man davon nicht leben. Man ist auf ein Publikum angewiesen, das ernsthaft, längerfristig und unabhängig von der Medienresonanz Interesse zeigt.  

Ich habe mal aufgeschnappt, dass du Tear Pop machst. Kannst du damit was anfangen?

Es ist ein ganz netter Begriff, aber es bleibt die Frage, ob ich mich nun missverstanden fühlen muss, wenn meine Musik mit Tränen, Depressionen und Traurigkeit verbunden wird. Hast du die Presseinfo bekommen? Ja? Dann weisst du ja schon, was ich sagen werde. Das ist das Gute an Presseinfos, da steht eigentlich schon alles drinnen. Ich frage mich dann immer, warum die Leute noch Interviews machen wollen.

Ich will mit meiner Musik jedenfalls genau das Gegenteil von Traurigkeit ausdrücken, eher Glück. Leute, die meine Musik intuitiv richtig verstehen, assoziieren damit eine gewisse Seeligkeit, die auch ein Metalfan bei einem Metalkonzert empfindet. Ein besserer Begriff für meine Musik wäre Hymne. Hymnen sind bedeutender und zeitloser als Popsongs, eher eine Art Flucht oder Ersatzreligion.  

Eine Ersatzreligion?

Ja, der Mensch versucht immer auf verschiedensten Wegen diesem seltsamen Zustand des Halbseins als Mensch zu entliehen. Man ist kein Tier, noch ist man Geist oder Gott. Man ist irgendwie beides und beide Elemente streben in die entgegengesetzte Richtung. Der Geist will nach oben und der Körper nach unten. Das versucht man zu überwinden durch Kunst oder Religion oder Rauschmittel. In meinem Fall sind es die Lieder.  

Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass traurige Leute deine Musik hören. Sie ist doch gerade gut bei Liebeskummer. Da kann man wunderbar darin suhlen.

Suhlen ist ja was Positives. Wenn jemand sagt, diese Musik sei auch traurig, dann soll er es halt sagen. Solange niemand, der sich meine Musik anhört, daraufhin traurig wird, ist alles in Ordnung.  

Traurigkeit und Verzweiflung sind wichtig, besonders, intensiv und sind eine Möglichkeit zur Reinigung. Die Verzweiflung ist der Moment kurz vor dem gereinigten Zustand. Sie kann unglaublich wichtig sein für die Entwicklung. Es geht mir eher um intensive Gefühle und nicht um Glück und Heiterkeit, das wäre mir zu trivial.  

Du bist Musiker, wo sind so die Schattenseiten? Ist ja nicht alles beneidenswert?

Man ist ständig mit sich selbst konfrontiert. Man steht immer unter Beobachtung. Diese Beobachtungen des Publikums führen dazu, dass man sich selber mehr beobachtet. Wenn das eigene Selbstbewusstsein schwankt, kann es passieren, dass man sich selbst zu hassen beginnt. Etwas, das man nicht tun würde, wenn keiner schauen würde. Man wird nervöser und pingeliger und achtet vermehrt auf sich und fühlt sich exponiert. Wenn man sich dann schwach fühlt, aber trotzdem in der Öffentlichkeit stehen muss, verletzt das die eigene Intimsphäre und man fühlt sich, als ob man vergewaltigt würde, vom Publikum oder vom Interviewer oder vom Fotografen. Das Problem kann bei jedem Beruf auftauchen, wenn man sich seiner selbst nicht mehr sicher ist.  

Bist du selbstbewusst genug dafür?

Mein Selbstbewusstsein ist sehr schwankend, Tourmanager oder Band hinter mir zu wissen, kann sehr wichtig sein. Denn wenn man vor dem Konzert mit dem Publikum aufs gleiche Klo gehen muss oder bis zur Bühne durchs Publikum laufen muss, kann das unheimlich an den Nerven zerren. Immer versucht man irgendwie dem Ganzen einen Sinn zu geben, fragt sich, warum Leute gekommen sind, um mich zu sehen und weiss meistens nicht warum. Deshalb muss man mehr als sonst versuchen, ein Sicherheitsgefühl zu schaffen.  

Bist du dir gegenüber nicht zu selbstkritisch?

Das war ich immer schon. Aber im Rahmen einer Tour wird man noch selbstkritischer. Es ist dieses Wissen, im Mittelpunkt zu stehen, die Anforderung, dass man ein Bild erfüllen muss.  

Magst du Interviews?

Nein, aber man muss sich immer wieder darauf einlassen, sonst gibt es eine oberflächliche Bullshit-Nummer. Ich muss ständig interessante, anständige Sachen sagen. In den meisten Fällen kommt was Interessantes dabei raus und man kann mit dem Reden seiner selbst bewusst werden. Das ist wie Tagebuch führen.

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