Kultur | 13.11.2006

Abend der Lachkrämpfe

Text von Janosch Szabo
Zum Auftakt des Comedy Festivals Lozärn lacht lieferten sich fünf Einzelkünstler und Duos ein spannendes Finale um den Swiss Comedy Award. Plappermaul Ingo Oschmann moderierte in bester Laune, die Jury verzweifelte schier bei der Punktevergabe und am Ende strahlte das Duo Zärtlichkeiten mit Freunden.
Strahlende Sieger: Das Duo Zärtlichkeiten mit Freunden freute sich im KKL über den Swiss Comedy Award. Fotos: Andrea Ganz Auf der Bühne zeigten die beiden Ostdeutschen rotzfreches Musik-Kasparett. Lässiger Berufskasper: Ingo Oschmann führte durch den Abend und hatte selbst eine ganze Menge Pointen auf Lager. Ein Dirigent kämpft mit dem Notenständer: Paul del Bene in seiner sehr bewegten Show.

„Ihr seid so schön multikulti, zu allen nett, sogar zu den Deutschen“, begrüsste Standup-Comedian Ingo Oschmann die rund 800 Zuschauerinnen und Zuschauer im vollen Luzerner Saal des KKL. Er strahlte, plapperte gleich mal selber drauf los und reihte seine Pointen derart dicht aneinander, dass einem zwischen den Lachern kaum Zeit blieb nach Luft zu schnappen. Ingo hielt sich nicht zurück, packte alles aus, ob es nun zum Abend passte oder nicht, verarschte hemmungslos gewisse Leute aus dem Publikum, riskierte alles, improvisierte spontan, lachte selber mit, grunzte dabei, begeisterte und schrammte immer mal wieder hart an der Grenze des perversen vorbei, liess Sprüche fahren, die nicht sonderlich passten, um sie aber gleich darauf wieder mit seinem Charme und einem hinreissenden Sketch vergessen zu machen. Vor allem aber, und trotz seines Wortschwalls, stellte er die Finalisten des Newcomer-Wettbewerbs in den Vordergrund, rief sie auf die Bühne, feuerte das Publikum zu lautstarken Applausen an und holte die Künstler nach ihren Kurzauftritten zum Verneigen nochmals hinter den Vorhängen hervor.

Die Finalisten

Doch was Ingo schon hat, nämlich so einen Swiss Comedy Award, gewonnen im Jahre 2001, das wollten die diesjährigen Finalisten auch: Der Passauer Musik-Comedian Florian Kopp, der Göttinger Musikpolizist Henning Schmidtke, der Italo-Amerikaner Paul del Bene, der sich der Slapstick-Comedy verschrieben hat, die beiden Grobmusiker Stefan Schramm und Christoph Walther alias Zärtlichkeiten mit Freunden und die die GaGarin Brothers mit den beiden Theater-Clowns Yves Grimmler und Alexey Mironov.

Alles Männer, alles nicht professionelle Comedians verschiedenster Sparten, alle unter 40 Jahren: Sie hatten die Vorselektion überstanden, bei der eine Jury im Sommer aus 33 Videobewerbungen die fünf Finalisten auserkoren hatte.

Der Dirigent und der Grönemeier-Imitator

Jetzt im KKL Luzern gaben sie alles. Zum Beispiel Paul de Bene als tollpatschiger Dirigent im Clownstil. Bei einer wilden Aktion schlug er sich am Notenständer glatt die Stirne blutig, was ihn aber erst richtig in Fahrt brachte. Seine bewegte Show, ganz ohne Worte, aber mit schrecklich lauten Glocken, die er im Publikum verteilte, um schliesslich sein Orchester zu dirigieren, verursachte beim Publikum Lachkrämpfe sondergleichen.

Ebenso begeisternd war der Auftritt von Kelvin dem Musikpolizisten, einem schlacksigen Typen in schwarzer Lederjacke. Sein Trumpf ist seine Stimme. Er setzte sich an sein elektronisches Piano und imitierte beispielsweise Herbert Grönemeier. Das klang derart echt, dass man ernsthaft nochmals genau hinschaute. Beim genauen Hinhören allerdings wurde einem klar, dass da nicht Grönemeier hockte, sondern einer der sich seine Stimme und seine Melodien entlieh und geschickt seine eigenen witzigen Texte hineinflocht. Im Finale der letzten Drei schliesslich, also beim zweiten Kurzauftritt an diesem Abend, setzte Kelvin einen Höhepunkt der Pointenkunst mit seinem Kurzlied: „Monika hat einen Bart. Man nennt sie Mundharmonika.“

Originelles Musik-Kasparett

Diesen Gag checkten längst nicht alle Zuschauerinnen und Zuschauer. So war es auch beim Duo Zärtlichkeiten mit Freunden, deren versteckte teilweise politischen Anspielungen – eine Seltenheit in der Comedyszene – nur wenige begriffen. Ihr Musik-Kasperett war überhaupt eine ziemlich schräge Sache: Der eine an der Gitarre, mit blonder Perücke, schweigsam und langsam, der andere am Schlagzeug, ein Angeber, mit schwarzer Perücke, wandelbar und redsam.

Ihr Stil ist einzigartig, ihr Humor rotzfrech, ihr Programm reisst nicht vom Hocker, aber ist präzis und fesselnd und endet mit sackstarken aberwitzigen Pointen. So zum Beispiel das finale Kurzprogramm der beiden Sachsen, als der mit der schwarzen Perücke seinen Partner fragte: «Soll ich noch ne Clownnummer machen?«, dann nach vorne tritt und mit der Nase direkt ins Mikrofon läuft – es hat einen roten Schaumgummischutz. Einfach fantastisch, einfach originell, einfach hervorragend präsent.

Ingo verblüfft als Zauberer

Aber die drei Finalisten lagen eng beeinander. Die Jurymitglieder, Paul Burkhalter (Künstlerische Leitung Casinotheater Winterthur), Caspar Fierz (Redaktor Comedy SF DRS), Christoph Haering (Leiter Performing Arts Migros-Kulturprozent) und Martin Vincenz (Künstlerische Leitung Arosa Humor-Festival) zogen sich zur Beratung zurück und Berufskasper Ingo Oschmann gab währenddessen noch eine Zaubernummer zum Besten. Er liess sich von zwei Helfern aus dem Publikum vor aller Augen fesseln, verzog dabei schmerzvoll das Gesicht und befreite sich schliesslich in Weltrekordgeschwindigkeit. Kein Mensch hatte mitgekriegt, wie das von statten gegangen war.

lachende Goldstatue für die Sieger

Dass aber Ingo seine Hände wieder frei hatte, darüber waren eigentlich alle froh, denn nun winkte er alle Künstler, alle Jurymitglieder, Organisator Dany Gundelfinger und den Verantwortlichen des Sponsors AVIA auf die Bühne. Der grosse Moment war gekommen. Die Sieger wurden verkündet. Das Duo Zärtlichkeiten mit Freunden stach etwas überraschend äusserst knapp die beiden anderen Finalisten aus und freute sich gewaltig. Doch bevor sie sich mit ihrer goldigen Statue für die Fotografen strahlend in Pose warfen, verliehen sie ihrem Witz aber nochmals Nachdruck. Nach einem schlichten „Dankä“ kam nicht etwa der übliche Satz „Wir können es noch gar nicht fassen“, sondern aus heiter hellem Himmel der Wunsch an den AVIA-Vertreter: „Wir würden uns freuen, wenn wir nochmals auftanken könnten.“ Das Gelächter liess noch einmal den Saal erzittern, Ingo warf seinen Blumenstrauss ins Publikum und ein gefreuter Abend ging zu Ende. Bis zum nächsten Swiss Comedy Award. Vielleicht schaffen es dann ja auch wieder ein paar Schweizer in den Final.

In Luzern hat zum dritten Mal hintereinander ein Duo den Swiss Comedy Award gewonnen. Im Jahr 2004 räumte das Duo Hinterletscht den Preis ab, im Folgejahr das Duo Subcultura und heuer nun das Duo Zärtlichkeiten mit Freunden. Letzteres hat ein Engagement für die Swiss Comedy Gala am 23. November 2006 im Rahmen des Comedy Festivals Züri lacht gewonnen.

Swiss Comedy Award 2007


Interessierte Comedy-Newcomer, deutsch­spra­chig oder rein visuell, können via Mail auf info@comedy.ch die Teilnahmebedingungen und Anmeldeunterlagen des nächstjährigen Wettbewerbes anfordern. Das Finale findet am 9. November 2007 wieder im KKL in Luzern statt.

Links