Kultur | 03.10.2006

“Wir mussten demokratischer werden”

Text von Martin Sigirist
Am 25. September spielten The Rapture aus New York ihr einziges Schweizer Konzert. Sie stellen ihr zweites Album vor. Tink.ch traf The Rapture in Zürich und sprach mit ihnen über Nervensägen, Gefühle und Demokratie.
Vito: "Es scheint, dass die Leute auf uns gewartet haben." Fotos: Martin Sigrist Luke: "Das letzte Album war ziemlich schizophren." Von links: Vito Roccoforte (Schlagzeug), Frank Luthardt, Martin Sigrist (Tink.ch) und Luke Jenner (Gesang, Gitarre) Luke: Falsetto und Gitarre

Wie geht es euch?

Vito: Das Leben auf Tour ist ganz gut. Es ist unsere erste Woche, noch drei vor uns, danach England und USA. Wir fangen erst an.

Ist mit eurem neuen Album alles so gelaufen, wie ihr es euch gewünscht habt?

Vito: Wir mögen es, das ist das Wichtigste (lacht). Ziemlich viele scheinen es zu mögen, das ist gut. Es ist komisch, so lange isoliert zu sein und dann das Album auf die Welt los zu lassen und zu sehen, was passiert. Es ist noch früh, aber das Feedback ist bis jetzt gut.

Ihr seid auf ziemlich vielen Titelseiten verschiedenster Magazine. Seid ihr eine Titelseiteband?

Vito: Ja, in Deutschland wohl schon. Es war sehr überraschend und schön. Vor drei Jahren bei unserem ersten Album wussten wir schon nicht, welche Reaktionen kommen würden. Aber es scheint, dass die Leute auf uns gewartet haben und dass sie unser neues Album mögen.

Ihr habt mal gesagt, dass euer neues Album «mehr zentriert« (more centred) sei. Was bedeutet das?

Luke: Das letzte Album war ziemlich schizophren. Das Machen war hart und es fühlte sich an wie ein konstanter Kater. Die ganzen Gefühle, die ich mit dem Album rüber bringen wollte, hatten viel damit zu tun, wie ich mich fühlte. Wenn du einen Kater hast und so touchy bist und versuchst, dich durch den Tag zu bringen. Als Band hatten wir damals keine offenen Kanäle der Kommunikation. Darum war es so schwierig, unser letztes Album zu machen. Dieses Mal waren wir viel geduldiger und weniger selbstsüchtig. Wir sprechen über Dinge, statt dass einer von uns den anderen etwas aufzwingt. Daher ist das Album besser geworden und wir hatten mehr Spass beim Machen.

Ist diese Veränderung eine Frage von Erfahrung oder Zeit?

Luke: Es hat damit zu tun, wie eine Band funktioniert. Meistens wird die Band von einer Person geführt. Der ist dann einfach egomanisch und zwingt jeden dazu, das zu tun, was er will. Wir haben am Anfang entschieden, dass wir uns das Schreiben und die Gewinne aufteilen. Damit haben wir entschieden, die Verantwortung zu teilen. Ich war wohl das Problem beim ersten Album. Ich war die grösste Nervensäge. Ich war diesmal gezwungen, mich zurückzuhalten. Ich bin jetzt weniger ein Arsch und damit wurde das Album viel besser.

Ihr seid jetzt also demokratischer?

Vito: Bestimmt, wir mussten zwangsläufig demokratischer werden. Ich glaube nicht, dass wir sonst als Band weiter hätten funktionieren können. Demokratie ist ein weiter Begriff. Er fasst wohl nicht ganz zusammen, wie unsere Band funktioniert. Beim Album “Echoes” haben wir Sachen auseinandergerissen. Beim neuen Album ist der Prozess genau umgekehrt. Alles war durch Aufbau entstanden. Wir haben gemerkt, dass das genau so gut funktioniert. Es hat viel Arbeit gebraucht und wir mussten uns einiges bewusst werden. Es benötigte mehr Geduld, denn es ist einfacher, wenn du etwas nicht magst, einfach drauf zu springen und zu sagen, dass es Scheisse ist. Aber du musst allen Zeit geben bei ihrem Tun und sie darüber nachdenken lassen. Also ja, demokratisch sind wir bestimmt.

Hat es die Sache nicht zu sehr verlangsamt oder langweilig gemacht?

Luke: Wir mussten neu anfangen. Es ging eigentlich erstaunlich schnell, sehr langsam am Anfang, bis das Vertrauen da war, bis die Leute gemerkt haben, dass sie machen können, was sie wollen. Dann wurde es sehr schnell, am Schluss hatten wir 30, 40 Songs. Das letzte Mal schrieben wir nur 12. Das zeigt wohl, was besser funktioniert.

Rückblickend auf “Echoes” fällt auf, dass viele Leute nur gerade einen Hit von euch kennen: “House of Jealous Lovers”. Die sehen euch vielleicht als One-Hit-Wonder. Was könnt ihr denen bieten?

Vito: Das ist das gute an Liveshows. Auf Alben hören die Leute vielleicht nur diesen einen Song oder kennen das Stück nur aus Klubs. Sie kennen aber das Album nicht und wissen nichts über die Band. Aber live, da sind sie gefangen, sie müssen zuhören und sie werden die anderen Songs hören. Hoffentlich werden sie den Rest auch mögen. Und sie werden sehen, wie die Musik funktioniert und den Kontext der Band erfahren, als Ganzes.

Ist es schwierig, zu den Leuten durchzudringen?

Vito: Meistens nicht, das geht immer ganz gut, das Set fliesst. Früher haben wir House zum Ende gespielt, aber das wäre, als ob das Set nur zu diesem Stück aufgebaut wird und dann danach alles aus wäre. Jetzt spielen wir es früher. Die Reaktionen sind meist sehr gut. “Echoes” hat sich ganz ordentlich verkauft, es wird daher auch genügend Leute geben, die die anderen Songs kennen und mögen. Das Konzert läuft ja nicht «tot, tot, tot, House, tot, tot« ab. Das wäre furchtbar. (lacht)

Okay, letzte Frage: Welche Frage habt ihr euch schon immer gewünscht?

Luke: Ich bin stolz auf DFA und all die Sachen und ich möchte, dass die Leute etwas über Tim Goldsworthy fragen. Es geht immer um James Murphy und es ist eine Tragödie, dass Tim nie erwähnt wird. Er ist für mich genau so wichtig für DFA. Tim macht das Programming, aber als eine Art Produzent. Wenn jemand nur ein Instrument spielt und dies aufgezeichnet wird, ist das nicht besonders aufregend. Aber interessant wird es, wenn jemand die Aufnahme nimmt und aufteilt und kleine tolle Sachen damit macht, die man vielleicht gar nicht so schnell wahrnimmt. Wenn es auch nicht jeder hört, dies macht den Unterschied von okay zu grossartig.

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