23.10.2006

Weltklasse Kurzfilme im Proger

Text von Christian Wyler
Schweiz, Deutschland, Frankreich, China, Brasilien - so vielfältig wie die Herkunft der Filmemacher, so unterschiedlich waren auch die gezeigten Werke am vierten Kurzfilmfestival shnit im Berner Progr.
Gebannte Zuschauer im Progr. Fotos: shnit.ch Logo der Kurzfilmnächte. Ansturm auf die Tickets. Popcornverkauf im Kinosaal. Das Organisationskomitee blickt auf ein glungenes Festival zurück.

Die vorgeführten Produktionen bewiesen einmal mehr, dass eine starke Aussage auch in wenigen Minuten gemacht werden kann. Erstmals gab es am diesjährigen shnit auch Podiumsdiskussionen, an welchen Filmschaffende wie Vertreter der Kulturförderung teilnahmen.

 

«Das heisst Filme machen: Sich immer wieder öffnen, neu definieren, neuen Boden suchen. Filme sind Experimente, die auch einmal scheitern können.« So äusserte sich der Produzent und Filmemacher Dieter Fahrer an der Podiumsdiskussion zum Thema Filmfinanzierung.

Offensichtlich nicht gescheitert sind die Filmkünstler, deren Produktionen vom 19. bis 22. Oktober an den shnit Kurzfilmnächten in Bern gezeigt wurden: Die 45 Beiträge aus 11 Ländern vermochten das zahlreich erschienene Publikum durchweg zu begeistern. Es war nicht nur leichte Kost, die den Zuschauern im stilvollen Ambiente der Progr-Aula vorgesetzt wurde. Das macht den Publikumserfolg umso bemerkenswerter und stellt auch dem Organisationskomitee ein gutes Zeugnis aus. Die Veranstalter zeigten eine sichere Hand bei der Auswahl und Zusammenstellung der Filme und bescherten dem Publikum ein Auf und Ab der Gefühle: Während einige Beiträge in die Abgründe der menschlichen Seele blicken liessen, glänzten andere mit aberwitzigen Pointen.

 

Von dunklen Horrorvisionen und niedlichen Versuchstieren

Bemerkenswert war unter anderem die chinesische Produktion «Cross Street«, ein Mysterythriller in 9 Minuten, der den Zuschauer mit seiner dunklen Atmosphäre fesselte und auch durch besonders schöne Kameraführung und gekonnte Schnitte bestach. Schrill war dagegen die französische Produktion «Flesh« von Edouard Salier, welche die Anschläge vom 11. September in New York thematisiert und wohl als einer der kontroversesten Filme des Festivals gezählt werden kann: Wolkenkratzer dienen als riesige Projektionsflächen, auf denen Erotikszenen ablaufen, bis sie von ganzen Schwärmen von Passagierflugzeugen in Schutt und Asche gelegt werden. Die computeranimierten Bildcollagen schaffen eine surreale Szenerie und geben den Anschlägen von New York eine neue Dimension – und verärgerten einzelne Besucher so sehr, dass sie bei der nächsten Pause schleunigst das Weite suchten.

 

Auch der Film «Tyger« vom brasilianischen Regisseur Guilherme Marcondes verbindet Computeranimation und Realfilm auf besondere Art: Ein Puppentiger streift durch eine nächtliche Grossstadt und bringt eine versteckte Realität zum Vorschein, die durch die Verwandlung von Menschen in Tiere dargestellt wird: Herumstehende Passanten werden zu Vögeln, ein liebendes Paar zu Tintenfischen und Fussballspieler zu Schaben.

 

Ein weiteres Highlight war «Nichts geht mehr«, ein deutscher Beitrag von Stefan Blau, in dem vier Menschen gezwungen werden, die Zahlen in einem tödlichen Roulette darzustellen. Zu gewinnen gibt es nichts für die unfreiwilligen Kandidaten, denn wer das Spiel überlebt, wird erschossen. Witziger ging es in den Kurzfilmen des Franzosen Nieto zu und her, der auf zwar makabere, aber doch sehr unterhaltsame Art zwei Paradebeispiele von Kurzfilmen zeigte, die trotz minimaler Produktionsmittel voll überzeugten. So begeisterte etwa das schwierige Leben der Labormaus Carlito, welche einige verrückte Experimente über sich ergehen lassen muss.

 

Viel Kritik, aber nur wenig konstruktive Vorschläge

Weniger inspiriert als in den Kurzfilmen ging es an der Podiumsdiskussion zur Filmfinanzierung zwischen Filmschaffenden, Experten und Verantwortlichen der Filmförderung zu und her. Zwar wurden verschiedene interessante Probleme angesprochen, so zum Beispiel die schwierige Vermarktung von Filmen mit Schweizer Themen im deutschsprachigen Raum. Ebenfalls neu sei die enorme Menge an Produktionen, welche auch mit der Entstehung von Filmschulen und den durch neue Aufnahmetechniken gesunkenen Produktionskosten zusammen hingen. Auf die Frage, wie die ideale Filmförderung denn aussehen würde, wusste allerdings niemand eine richtige Antwort. Nur die Bürokratie und die unterschiedlichen Förderungssysteme der verschiedenen Kantone wurden angeprangert – ein Problem, unter dem nun beileibe nicht nur die Filmschaffenden leiden.

So blieb der Eindruck, dass zwar nicht alles perfekt laufe, es aber vor allem ganz einfach an ausreichenden Mitteln fehle, um viele Filmprojekte ausreichend zu unterstützen. Einen interessanten Lösungsansatz könnte da eine Unterstützung durch den Lotteriefonds sein, wie dies zum Beispiel in Zürich bereits praktiziert wurde.

 

Das shnit- Open 06 bot einen breiten und vielfältigen Einblick in die aktuelle Kurzfilmszene und widerlegte das Klischee vom langweiligen und unverständlichen Kunstfilm. Zudem stellt der Anlass eine Plattform auch für (noch) unbekannte Filmschaffende dar, um ihre Werke in einem professionellen Rahmen einem grossen Publikum näher zu bringen. Auch die Podiumsdiskussionen stellen eine interessante Neuerung dar, welche den Zuschauern einen Blick hinter die Kulissen ermöglichte.

Infos zu allen Filmen sowie Ausschnitte aus einigen Produktionen gibt es auf der Website von shnit.

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