Gesellschaft | 09.10.2006

“Um gelesen zu werden”

Text von Janosch Szabo | Bilder von Manufactum.de
Im Juni startete die deutsche Netzeitung die Plattform Readers Edition. Der Moderator Gerd Stodiek über Bürgerjournalismus und die nicht mehr ganz neue Projektidee.
Bild: Manufactum.de

Readers Edition ist das neue Projekt der Netzeitung. Wie entstand die Idee dazu?

Nach den Erfahrungen der Netzeitung gibt es viele Menschen, die eine Zeitung nicht nur lesen wollen, sondern sich auch selbst journalistisch betätigen. Sie schicken Tipps, Hinweise und Anregungen für Artikel an die Redaktion. Es sind Leute, die in ihrer Freizeit Journalisten sind, aber hauptberuflich etwas anderes tun. Ihnen will die Netzeitung mit Readers Edition eine Plattform bieten, auf der sie auch selbst Artikel schreiben können. Die Leser haben so die Möglichkeit, mit Unterstützung von uns Moderatoren selbst eine Zeitung zu machen – mit klassischen Ressorts, wie Wirtschaft, Sport oder Politik.

Euer Slogan «20 Millionen Reporter gesucht« klingt etwas utopisch. Was sind eure realistischen Ziele?

Damit wollen wir einfach sagen, dass im Grunde jeder mitmachen kann und als Journalist in der Readers Edition schreiben kann.

  

Was sind das für Leute, die für Readers Edition texten und wie viele sind es bisher?

Es ist erstaunlich, wie viele Leute täglich Artikel schreiben. Die meisten haben schon erste Erfahrungen im Journalismus gesammelt. Andere sind einfach neugierig und haben interessante Geschichten zu erzählen, von denen die hauptberuflichen Journalisten sonst möglicherweise nie erfahren würden. Unter den Autoren sind viele talentierte Schreiber. Das Spektrum der Readers-Edition-Reporter ist breit: Angefangen von Schülern und Studenten bis hin zu professionellen Journalisten im Ruhestand.

Geht der Einzelne da nicht unter – bei so vielen Reportern?

Ich denke, dass viele Schreiber auch aktive Leser sind. Jeder Einzelne hat spezielle Themen, die er verfolgt, über die er berichtet und mit denen er einen bestimmten Leserkreis ansprechen kann. Als Moderatoren bemühen wir uns zudem um eine möglichst individuelle Betreuung der Autoren. Wir geben ihnen Tipps, wie sie ihre Artikel noch verbessern könnten und stehen ihnen bei Fragen zur Verfügung.

Können solche Reporter als Journalisten von der Netzeitung entdeckt werden?

Klar! Einige Artikel gefielen den Redakteuren der Netzeitung so gut, dass sie sie in ihre aktuelle Ausgabe übernommen haben. Die Netzeitung sieht die Readers Edition sicherlich als Talentschmiede.

Warum, glaubst du, haben so viele Leute das Bedürfnis zu schreiben?

Um gelesen zu werden. Viele geniessen die Themenfreiheit und Kreativität, sowie den Dialog, der in den Kommentaren stattfindet. Sie können auch ihre Ideen testen und sich direkt, obwohl erstmal nur online, mit ihren Lesern austauschen. Ausserdem entstehen   Bekanntschaften und Gleichgesinnte können Interessen verknüpfen.

Allgemein sind benutzergenerierte Inhalte stark im Kommen. Es geht also in die Richtung, dass jeder ein Schreiber ist. Aber wer sind denn dann die Leser?

Schreiber sind meistens auch Leser, die Frage stellt sich vielleicht anders. Die Idee des Long Tail ist, wenn du etwas Interessantes zu erzählen hast, wird es auch gefunden und gelesen. Ob jetzt 100 oder 100’000 deinen Artikel lesen, ist erstmal nicht ausschlaggebend. Viel wichtiger ist, dass du etwas Relevantes für den Leser bieten kannst. Wenn es dann für mehrere Leser relevant wird, dann bist du am Ansatz des Long Tail.  

Stellt solch ein Projekt für den Qualitätsjournalismus eine Gefahr dar?

Das glaube ich nicht. Es sind ja meistens keine Vollzeitjournalisten, und ich sehe es eher als Bereicherung für den Journalismus. Bürgerjournalismus ist ja schon etwas älter; freie Radios sind in weiten Teilen Afrikas mit das wichtigste Medium überhaupt. Das Internet hat diese Entwicklung etwas demokratischer gemacht, zumindest für alle, die eine Internetanbindung haben.

Sicherlich wird die Qualität des Bürgerjournalismus in Zukunft besser werden. Ich glaube, dass die Readers Edition auf gutem Wege ist, in Deutschland eine besondere Rolle einzunehmen. Nur, eine Gefahr sehe ich eher für Medienunternehmen, die sich dieser Entwicklung nicht stellen und den Leser weniger ernst nehmen.

Wie garantiert ihr einen gewissen Qualitätslevel?

Die Moderatoren der Readers Edition sorgen für die Qualität. Wir schauen über alle Artikel, bevor wir sie frei schalten.

Welches sind die beliebtesten Themen?

Das ist sehr unterschiedlich: Die wohl meisten Texte gehen in den Ressorts Sport sowei Web und Technik ein. Die Themenwahl im Bereich Politik orientiert sich häufig an der aktuellen internationalen Nachrichtenlage. Zudem stellen wir ein grosses Interesse an kulturellen Themen im weitesten Sinne fest.

Was ist der Job der Moderatorinnen und Moderatoren?

Der Grossteil der Arbeit besteht darin, die Artikel zu moderieren und nach Rechtschreibung und Grammatik zu überprüfen. Wir organisieren Stammtische mit den Autoren und treffen uns regelmässig zu Workshops, um weitere Entwicklungen zu diskutieren und uns besser kennenzulernen.

Wie kommt ihr zu euren angestrebten 20 Millionen Reporterinnen und Reportern?

Auf der Netzeitung sind Schaufenster, die in den Ressorts mit eingebaut sind und zu aktuellen Readers-Edition-Artikeln verlinken. Das macht viele Leser neugierig. Auf den Seiten der Netzeitung sind zudem Banner geschaltet. Ausserdem stellen wir das Projekt unter anderem bei Konferenzen, an Universitäten und Schulen vor. Gut funktioniert sicherlich auch die Mund-zu-Mund-Propaganda: Autoren werben Autoren.

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