Kultur | 23.10.2006

Raum für eigene Fantasien

Text von Rahel Schmid | Bilder von Toolate
Streetwise fördert den medialen Kulturaustausch im Dreiländereck. Mit der Präsentation von Fotos, Videos und Audiobeiträgen junger Kunstschaffenden wird regionales Engagement international vernetzt. Der Auftakt dieser Ausstellung fand letzte Woche in Basel auf dem Schiff im Rheinhafen statt.
Bürgerliches Stilleben von Pascal Treuthardt. Die Ausstellung verlangt vom Publikum viel eigene Vorstellungskraft.
Bild: Toolate

«Die Ausstellung befindet sich hinter der Bühne«, erklärt der Türsteher. Schon am Eingang wird deutlich, dass der Besucher seinen persönlichen Zugang zu den Kunstwerken selbst finden muss. Denn sie stellen alle auf ihre eigene Art eindrücklich ihre Fragmentartigkeit und innere Zerrissenheit zur Schau. Es werden keine Antworten gegeben, sondern Fragen gestellt.

Bei den Fotografien, die auch auf der Projektwebsite einsehbar sind, wird tief ins Effektregister gegriffen. Gearbeitet wird mit Überblendung, Verzerrung und dem Fokus auf unscheinbare Alltagsgegenstände wie vergilbte Strassenmarkierungen oder Fussstapfen im Schlamm.

Die Videoinstallationen spielen mit Zoom, wählen ungewohnte Blickwinkel wie die Aufnahme durch eine nasse Fensterscheibe oder irritieren mit schnellem Bildwechsel und Vorspulen.

Egozentrische Bilderwelt 

Ein in grasgrünem Rahmen gefasstes, scheinbar unbewegliches Stillleben entpuppt sich als raffinierte Videomontage mit klassischen Symbolen im Stil des bürgerlichen Milieus: Stuhl, Spiegel, Kerze, Tasse, Häckeldecke, Vorhang, Blume. Wer jedoch lange genug davor verweilt, kann in unregelmässigen Abständen minimale Veränderungen ausmachen: Der Vorhang bauscht, die Blume bewegt sich, ein Schatten huscht durch den Spiegel, vom Bildrand aus wird die Tasse aufgefüllt, die Kerze brennt und erlischt wieder. Der Künstler Pascal Treuthardt bestätigt freimütig, dass über dem ganzen Kunstwerk ein Hauch von Egozentrik schwebt. So wiedergibt der flüchtige Schatten im Spiegel sein Ebenbild, als Blumen wählte er rote Orchideen und die Tasse ist mit edlen Goldverschnörkelungen verziert.

Trotzdem wird dem Betrachter genügend Raum für seine eigenen Phantasien, Assoziationen und Interpretationen eingeräumt. So ist auch die dominierende Farbe ein nüchternes Weiss, welches nicht von der Eigendynamik und Symbolkraft der Gegenstände ablenkt. Mut zum Verzicht, Betonung des kurz aufblitzenden Augenblicks und Reduktion bis zum Minimum sind die hochgehaltenen Maximen. Denn bei Unvollständigkeit kann der Betrachter besser mitdenken und ergänzen.

Der Anspruch auf Simplizität wird durch die Bewegungen nicht verletzt. Im Gegenteil, die Notwendigkeit von Veränderungen drängt sich geradezu auf und wird im Kunstwerk selbst – paradoxerweise gerade durch diese Bewegungen – begründet. So wäre die leere Tasse nutzlos. Der Spiegel braucht einen Gegenpart um zu reflektieren, die Kerze benötigt zum Erhellen Feuer, die Blume wird erst durch Bewegung als lebendig empfunden. Alles benötigt einen Antrieb – das Kunstwerk die Veränderung um zu wirken, der Betrachter seine Phantasie um es zu verstehen.

Bewusste Leerstellen und Stilbrüche

Diese Videoinstallation vereint alle Attribute der Ausstellung Streetwise. Denn die Kunstwerke erheben keinen Anspruch auf innere Kohärenz. Lücken sind erlaubt und erwünscht, gearbeitet wird mit Leerstellen und Stilbrüchen. In diesem Sinne handelt es sich hier nicht um eine Ausstellung im eigentlichen Sinne, sondern um eine Hinstellung.

Der Betrachter wird zum aktiven Mitdenken aufgefordert und muss die Präsentationen mit seinen eigenen Impressionen aktivieren, damit sich die Mosaikstücke für ihn zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen. Dafür spricht auch, dass keines der Werke untertitelt ist. Denn jedes Werk stellt das dar, was du draus machst. Deshalb findet jeder seine individuelle Antwort auf die Frage: Are you streetwise?

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