Politik | 09.10.2006

Politik – eine welke Blume

Text von Josias Brotbeck
Der Blütenstaub wurde um die halbe Welt getragen. Doch die Blume Politik verdorrte. Demokratie: ein Vorwand für Selbstverwirklichung, eine Rechtfertigung für Unwahrheiten.

Immer mehr Teilnehmer der Jugendsession meinen, sie müssten Politiker imitieren, wobei es weniger um die Themen geht, als vielmehr darum, Redegewandtheit zu demonstrieren.  

Politik ist wahrscheinlich das grösste Gesellschaftsspiel. Und die Jungpolitiker sind gar keine schlechten Spieler. In Sachen Gestik, im Umgang mit der Lautstärke und der Wahl der richtigen Worte stehen sie den gesetzten Politikern in nichts nach. Das Plenum am Schluss der Jugendsession 2006 glich einer grossen Arena-Sendung, mit dem kleinen Unterschied, dass nicht alle ein Mikrofon zur Hand hatten, was das Dreinreden verhinderte.  

Die Schweiz wird in direkter Demokratie regiert und was ist direkter, als eine Nation, die redet, schimpft oder kritisiert?  

Zum Abschluss der Jugendsession konnten die Teilnehmenden ins Parkhotel Waldhaus in Flims, um einige der Nationalratsmitglieder zu treffen. Auf der Terrasse des Übergangsbundeshauses bildeten sich verschiedene kleine Gruppen um die Prominenz herum. Der Apéro wurde kaum wahrgenommen. Die Jugendlichen fanden es spannend, mit bekannten Politikern einige Worte zu wechseln. Aber noch mehr genossen es die Vorbilder. Sie predigten über dies und das, täuschten Interesse an der Jugendpolitik vor, hielten zu jedem Stichwort einen ganzen Vortrag und die Jugendlichen kamen nur zu Wort, wenn die Ratsmitglieder mit dem schwarzen Strohhalm in einem grasgrünen alkoholfreien Drink nippten. Es waren keine Gespräche. Es wurde geredet.  

Die guten Redner hielten Vorträge, die andern wurden zum Zuhören verdonnert. Die Jugendlichen, die versuchten, den Politikern Paroli zu bieten, wurden stehen gelassen oder blamierten sich mit naiven Kommentaren, die von Unwissenheit zeugten.  

Aber wie soll der Normalsterbliche eine komplizierte Gesetzesänderung durchschauen? Die Möglichkeit mitzureden, wird einem genommen. Die Politiker schneiden die Nabelschnur zur Bevölkerung durch. Im Interessenschaos werden die Menschen wie Schachfiguren umher geschoben. Wichtig ist nur, dass das Interesse der Sagenden umgesetzt wird. Es geht nicht darum, die verschiedenen Meinungen zu einem Kompromiss zu formen.  

Zwei Jungpolitiker, beide redegewandt – der Nationalrat hat sich aus dem Staub gemacht – reden, ohne aufeinander einzugehen. Sie werfen sich das auswendig gelernte Parteiprogramm an den Kopf. Ich versuche mich einzubringen. Erfolglos. Sie reden weiter, ohne irgendein Anzeichen, mich wahrgenommen zu haben. Sind das die Politiker von Morgen?  

Die welken Blütenblätter sind auf den Boden gefallen und verdecken die Sicht auf den eigentlichen Grund.