Kultur | 16.10.2006

“Petit Paris” in Trub

Text von Janosch Szabo
Seit einigen Tagen ist in den Schweizer Kinos eine Perle der Schweizer Filmkunst zu sehen: "Die Herbstzeitlosen" von Bettina Oberli, mit Bildern, die Emotionen wecken, humorvollen Szenen und ausgezeichneten Schauspielerinnen.
Ein starkes Quartett bringt Trub auf Trab.

Trub liegt im Emmental, friedlich, ruhig und traditionell. Aber als die vier Freundinnen Martha, Lisi, Hanni und Frieda im Herbst ihres Lebens noch einmal so richtig aufblühen, kommt Bewegung ins kleine Dorf.

Die Idee fängt Feuer

Der Auslöser ist ein gemeinsamer Ausflug der vier rüstigen älteren Damen nach Bern, ursprünglich geplant, um Stoff für die zerissene Fahne der Singbuebe zu besorgen, doch letztendlich im Lingerie-Geschäft endend. Dort hineingeraten sind sie, weil Lisi ein Geheimnis nicht für sich behalten konnte, nämlich, dass Martha früher Dessous-Schneiderin war. Lisi geht auf tutti und stachelt Martha dazu auf, ihren Traum von einem eigenen Lingerie-Geschäft zu verwirklichen. Und die nimmt die Sache tatsächlich in die Hand, ganz nach dem Motto “was ich konnte, kann ich wieder lernen”. So sitzt sie denn heimlich und stets von Lisi unterstützt und aufgemuntert hinter Schnittmustern, Stoff und Nähmaschine.

Die Männer sind entrüstet

Schliesslich ist die Eröffnung von “Petit Paris”, der Lingerie-Boutique mitten im Dorfkern. Ein Skandal, ein Verrat an der Tradition. Denn was die einen glücklich, ja gar übermütig macht, das ist den anderen ein grosser Ärger, ganz besonders Fritz, dem Gemeindepräsident und Walter, dem Pfarrer. Der erstere Hannis, der zweitere Marthas Sohn, laufen sie beide Sturm gegen die vier alten Damen. Doch die sind mittlerweile ein eingespieltes Team, halten zusammen und lassen sich nicht aus dem Konzept bringen, auch wenn Walter und Fritz vor Wut brüllen und kurzerhand die ganze sorgfältig genähte Lingerie in der Altkleidersammlung entsorgen. Martha & Co geben nicht auf und holen sich die Säcke in einer Nacht und Nebelaktion zurück. Als dann Pfarrer Walter mit seiner Bibelgruppe in den leer geglaubten Laden kommt, ist der Schreck gewaltig…

Das Chorfest rückt näher

…und das Gelächter im Kinosaal gross. Gerade solche humorvollen Szenen, die den Zuschauer zu herzhaftem Lachen hinreissen, prägen Oberlis Werk. Aber auch die Traurigkeit hat darin ihren Platz. Überhaupt spielen Emotionen eine zentrale Rolle und die bringt besonders glänzend Stephanie Glaser als Martha zum Ausdruck. Den Trotz, die Enttäuschungen, den Frust, die Freude und den ständigen Willen nicht aufzugeben, strahlt sie derart stark aus, dass man unweigerlich im Kampf für ihre Boutique hinter ihr steht. Und Beistand kann sie gebrauchen, denn die Fronten verhärten sich, je näher das kantonale Chorfest rückt. Der Film “Die Herbstzeitlosen” endet mit einem wahren Showdown, der aber mit manchen Überraschungen aufwartet.

Bettina Oberlis Streifen ist ein humorvolles, überraschendes und auch Mut gebendes Filmvergnügen für Alt und Jung, für die ganze Familie.

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