Sport | 23.10.2006

Neue Impulse gefragt

Zwei Woche ist die Niederlage der Schweizer Fussballnationalmannschaft gegen unsere Nachbarn aus Österreich nun her. Warum diese Niederlage gar nicht so überraschend kam, was schief lief und was Köbi Kuhn gegen Brasilien anders machen könnte: Rückblick und Ausblick eines selbst ernannten Fussballexperten.

Schon einige Wochen vor dem blamablen Auftritt des Österreichischen Nationalteams beim glücklichen 2:1 Sieg gegen «Fussballzwerg« Liechtenstein war das Vertrauen in die österreichische Fussballstärke stark angeschlagen. Dass eine einheimische Tageszeitung den Startplatz Österreichs an der Heim-EM an den Meistbietenden versteigern wollte, war lediglich eine komische Randnotiz in mitten abschätziger Kommentare.

Ganz anders stand es um das Vertrauen in die eidgenössischen Fussballkünste. Hierzulande durfte man vor dem Aufeinandertreffen stolz auf eine fast einjährige Ungeschlagenheit zurückblicken, abgesehen vom Penaltyaus an der WM gegen die Ukraine. Die Medien, insbesondere das Schweizer Fernsehen, feierten Köbi Kuhns Erfolge. Standesgemäss übertrumpften sich Mathias Hüppi und Alain Sutter auch in Innsbruck gegenseitig mit ihren Lobeshymnen zur Schweizer «Nati«. Es bestand eigentlich nur die Frage, wie hoch wir den Euro 08-Mitveranstalter schlagen würden. 

Dass sich diese Frage erübrigte, ist bekannt. Es gab jedoch schon im Vorfeld der Partie Anzeichen auf eine drohende Niederlage, welche mangels Misserfolgen aber nie thematisiert wurden. Niemand bemerkte den schleichenden Rückschritt im Schweizer Spiel. Die besten Partien, das 1:1 gegen Frankreich in der WM-Qualifikation, sowie das 2:0 in der Barrage gegen die Türkei,  liegen bald ein Jahr zurück. Damals war die Stimmung in den ausverkauften Stadien einzigartig. Im September diesen Jahres, bei Freundschaftsspielen gegen bescheidene südamerikanische Mannschaften, verirrten sich gerade mal 12 000 Zuschauer in die 30 000 Zuschauer fassenden Stadien. Klar, dass solch bedeutungslose Spiele nicht zu Höchstleistungen anregen. Es kann aber nicht die einzige Erklärung sein, warum das Team momentan deutlich unter ihrem ehemaligen Niveau spielt. Denn gegen Österreich kann mangelnde Motivation keine Entschuldigung gewesen sein.

Die heftigen Auseinandersetzungen gegen Ende des Spiels brachten deutlich zum Vorschein, dass es bei der Partie um viel Prestige ging. Doch die Schweizer starteten, passend zu ihren so genannten «Gold-Shirts«, überheblich in dieses Spiel. Das Gezeigte auf dem Rasen spiegelte die Trikotfarbe wieder: Matt, undefinierbar, keinesfalls golden. Immerhin kann man den Spielern die Trikotwahl nicht anlasten. Die «Gold-Shirts« waren eine Marketingaktion des Schweizer Ausrüsters Puma, was sich für ohn übrigens bereits ausbezahlt hat. Die neuen Leibchen gelten als Verkaufsrenner.

Warum aber färbte sich die Spielerbekleidung auf die Leistung ab? Will man «Schnurri der Nation« Turnheer Glauben schenken, haben unkonventionelle Trikotfarben den Schweizern schon immer Pech gebracht. Folgt man Turnheers Aberglaube, könnte aber auch das Spieldatum schuld sein. Zwei Tage nach der Niederlage war nämlich Freitag der Dreizehnte. Etwas viel versprechender war die Analyse von Alain Sutter. Der zum Nationalmannschafts-Experten erkorene Ex-Profi mit einem Hang zur Hobbypsychologie begründete die ungenügende Einstellung mit einer alten Fussballerweisheit: Für ihn war klar, dass die Mannschaft auf dem schmalen Grad zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit die Balance verloren hatte. Die Erklärung für den Absturz in die Überheblichkeit konnte aber auch Sutter nicht erbringen. Vielleicht hat man die Österreicher einfach unterschätzt. Dennoch, man brachte während dem ganzen Spiel das Gefühl nicht los, dass nicht nur die Einstellung nicht stimmte, sondern auch die spielerische Klasse.  

In Zeiten des «Köbismus«, sollte man sich zwar vor der Kritik am Nationaltrainer hüten, ist er doch Symbolfigur für jüngste helvetische Höhenflüge. Ich wage mich an dieser Stelle aber trotzdem Köbi Kuhns Personalpolitik zu hinterfragen, im Bewusstsein mich bei einigen Fans unbeliebt zu machen. Es gehört zu den Grundprinzipien Kuhns, Spielern langfristig sein Vertrauen zu geben. Kontinuität ist oberstes Gesetz. Dies führt momentan dazu, dass dem Schweizer Spiel neue Impulse fehlen und sich einige Spieler in ihren Stammpositionen zu sicher fühlen. Köbi Kuhn hält schon zu lange an Spielern fest, die zwar viel zu den Erfolgen der letzten Jahre beigetragen haben, momentan aber ausser Form sind. Umstellungen nimmt der Coach grundsätzlich kaum vor, ausser die personelle Situation zwingt ihn dazu. Und auch dann erhalten neue Spieler nur Kurzeinsätze, wie ein Alberto Regazzoni gegen Costa Rica. Oder sie werden trotz guter Leistung – Xavier Margairaz gegen Liechtenstein – unverständlicherweise nicht mehr aufgeboten. Stattdessen hält Kuhn an einem Spieler wie Lustrinelli fest, der bei Sparta Prag in der anspruchslosen tschechischen Liga keine Stammplatzgarantie hat. Auch Daniel Gygax, bei Lille meist nur die Ersatzbank wärmend, stand zuletzt ausnahmslos in der Startelf. Marco Streller, bei Stuttgart ebenfalls nur zweite Wahl, schoss zwar das einzige Tor gegen Österreich, hinterlässt aber schon seit längerer Zeit einen unbeweglichen Eindruck und vergibt zu oft hochkarätige Chancen. Dennoch durfte er die letzten drei Spiele von Beginn weg bestreiten.

Man muss Köbi Kuhn aber auch zu Recht halten, dass er nicht die Alternativen hat, um einen leistungsschwachen Stammspieler jederzeit gleichwertig zu ersetzen. Zwar erfreuen sich die Stürmer Häberli bei YB oder Regazzoni bei Sion guter Form, fragt sich nur, ob Gygax oder Streller in der Super League nicht genau so herausragen würden.

Dennoch glaube ich, dass es an der Zeit wäre, ein Zeichen zu setzen und bereits im nächsten Spiel gegen Brasilien Veränderungen vorzunehmen. Man könnte Xavier Margairaz oder den wieder genesenen David Degen einem Daniel Gygax vorziehen, Christoph Spycher anstatt Ludovic Magnin in die Stammformation setzen, Regazzoni oder Vonlanthen neben Frei stürmen lassen oder aber auch einem ganz jungen Spieler die Chance geben: Julian Esteban, Torschützenleader in der Challenge League, Davide Chiumento oder Pirmin Schwegler sind alles Hoffnungsträger für die Zukunft. Solche Massnahmen bergen natürlich Risiken, da das eingespielte Team durcheinander gemischt würde. Ich glaube jedoch an die positive Signalwirkung einer Rochade, sowohl für die herausgeforderten Stammkräfte, als auch für neue junge Spieler, an ihre Chance zu glauben. Köbi Kuhn wird hoffentlich Alles dafür tun, um die Schmach von Innsbruck  am 15. November gegen Brasilien vergessen zu machen. Ich rechne aber nicht damit, dass er gegen diesen Weltklassegegner drastische Veränderungen vornimmt. Das widerspräche Kuhns Naturelle. Nur gut, dass bis zur Heim-EM noch genügend Zeit bleibt.