Gesellschaft | 15.10.2006

„Mir gefällt die Lebenslust der Bulgaren“

Peter Imberg, der Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe Bulgarien EGmbH, erzählt von seiner Lebens- und Berufserfahrung in Bulgarien.
Peter Imberg: "Die Medienlandschaft wird sich verändern, Printmedien wird es allerdings auch in 100 Jahren noch geben."

Herr Imberg, wie ist es dazu gekommen, dass Sie Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe Bulgarien geworden sind?

Irgendwann nach der Wende suchte die WAZ Mediengruppe Investitionsmöglichkeiten. In Deutschland konnten wir nicht mehr wachsen und so haben wir begonnen in Österreich, Ungarn und schliesslich in Bulgarien, Rumänien, Kroatien, Serbien und Mazedonien in Medien zu investieren. Damals war ich Vertriebschef der WAZ in Essen.

Mein Leben in Bulgarien hat begonnen, als hier ein Geschäftsführer gesucht wurde und ich die Stelle angenommen habe. Das ist nun viereinhalb Jahre her.

Warum haben Sie sich entschieden, nach Bulgarien zu kommen?

Was mich getrieben hat, war die Neugier und die Lust, neue Erfahrungen in einem anderen Kulturkreis zu machen, zu erfahren, ob das, was ich bis anhin gelernt hatte, auch hier funktioniert.

Und wie erleben Sie das Land nun?

Was mir gefällt, ist die Lebenslust der Bulgaren. Als Ausländer in einem fremden Land macht man aber verschiedene Phasen durch. Zuerst ist alles toll und wunderbar, aber dann nach drei bis sechs Monaten fallen einem Dinge auf, an die man sich noch nicht so richtig gewöhnt hat, zum Beispiel wie die Bulgaren Auto fahren. Das ist mörderisch und geht mir als ordnungsliebendem Deutschen manchmal auf den Geist. Ansonsten gibt es nichts, über das ich mich hier mehr aufrege als in Deutschland.

Also: Ein Deutscher in Bulgarien – Segen oder Fluch?

Kommt darauf an, für wen. Für mich ist es ein Segen, weil ich in Bulgarien eine Menge gelernt habe, wozu ich in Deutschland nicht die Chance gehabt hätte. Meine Neugier ist befriedigt worden. Und für manche Bulgaren bin ich vielleicht ein Fluch.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, gerade in die zwei bulgarischen Zeitungen 24 Tschassa (24 Stunden) und Dneven Trud zu investieren?

Wir haben eigentlich keine bestimmten Verlage gewählt. Sie sind selber zu uns gekommen. Es gab damals einen Deutschen, der bei Dneven Trud tätig war. Weil die Zeitung Probleme hatte, rief er bei uns an und fragte, ob wir Lust hätten, aktiv zu werden. Da haben wir mit dem Eigentümer Kontakt aufgenommen und verhandelt.

Inwieweit sind diese beiden auflagestärksten Zeitungen in Bulgarien nun vom Modell der deutschen Presse beeinflusst?

Wir versuchen mit unserem Management dafür zu sorgen, dass ihre Redaktionen unabhängig bleiben, und kümmern uns um alle betriebswirtschaftlichen und technischen Fragen, nicht aber um die redaktionellen. Die überlassen wir den Chefredaktoren. Sie sind total autonom, solange sie nicht gegen die Gesetze verstossen. Die Redaktionen können also ihre Zeitung so gestalten, wie sie meinen, dass es für Bulgarien richtig ist.

Wie hat die Media Holding AG mit Dneven Trud die bulgarische Konkurrenz bewältigt?

Sie brauchte im Grunde die Konkurrenz gar nicht zu bewältigen. Die Tageszeitung Dneven Trud war schon immer eine große Zeitung. Sie wurde nur damals nach der Wende von der Nachwendezeitung 24 Stunden überholt. Danach hat sich aber der Chef von Dneven Trud die neuesten Tendenzen angeschaut und seine Zeitung entsprechend angepasst, was sie wieder an die Spitze brachte. Die Seite 1 ist im Grunde genommen ein Verkaufsplakat, das jeden Tag so gestaltet werden muss, dass der Käufer am Kiosk sagt «Ja, die will ich jetzt kaufen-.

Wie sehen Sie die Zukunft der bulgarischen Medien?

Die beurteile ich nicht anders als die Zukunft der anderen Medien in Europa. Die Medienlandschaft wird sich verändern, Printmedien wird es allerdings auch in 100 Jahren noch geben. Ich weiss aber auch, dass sich viele junge Leute Informationen auf anderen Wegen besorgen – über das Handy zum Beispiel. Die Technik wird sich mit Sicherheit verändern, aber die Inhalte, die wir produzieren, werden auch zukünftig in irgendeiner Form angeboten und, wenn alles gut läuft, auch verkauft.

Ist diese Veränderung etwas Positives?

Sie ist in der Hinsicht positiv, dass wir gezwungen sind, uns kreative Gedanken darüber zu machen, wie wir zukünftig verkaufen. Wir müssen uns immer neue Fragen stellen. Es gibt Leute, die das beklagen, aber ich sehe keinen Grund zur Klage, ich sehe nur einen Anlass, sich Gedanken zu machen.