Gesellschaft | 14.10.2006

„Mehr Demokratie schadet keiner Schule“

Eva Jambor, Bildungsbeauftragte des Österreichischen Bildungsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Bildung, lebt seit zehn Jahren in Bulgarien. Im Interview spricht die Linguistin über Bildungssysteme, Entwicklungen und Demokratie in der Schule.
Eva Jambor: "Man lernt jeden Tag etwas Neues."

Es gibt die Aussage: «Jede Sprache ist ein Tempel, in dem die Seele von denen, die sie sprechen, bewahrt wird.« Wenn Sie die Reliquien im Tempel der Deutschen Sprache mit nur drei Wörtern beschreiben sollten, welche würden Sie wählen?

In der Deutschen Sprache stecken Exaktheit, Knappheit und auch Schönheit. Ich bin ein grosser Fan der Deutschen Sprache.  

Was hat Sie bewegt, nach Bulgarien zu kommen?

Ich wollte im Ausland in Südosteuropa an einer Universität arbeiten. Da wurde mir Sofia angeboten und so kam ich 1992 das erste Mal nach Bulgarien. Damals wusste ich im ersten Moment nichts über das Land. Ich war dann zwei Jahre hier und habe an der Universität unterrichtet. 1996 bin ich wieder nach Bulgarien gekommen und bin seither verantwortlich für alle Projekte, die zwischen Bulgarien und Österreich im Schulbereich stattfinden. Wir arbeiten eng mit dem bulgarischen Bildungsministerium zusammen, das bestimmte Bereiche des österreichischen Schulsystems als geeignete Vorbilder nutzen möchte, besonders in der Berufsausbildung.  

Welches sind Ihrer Meinung nach die Vor- und Nachteile der nach der Wende durchgeführten Reform im Bildungssystem?

Das bulgarische Bildungssystem hat eine besondere Stärke in der Sprachenausbildung. Die Förderung der zweiten Fremdsprache in der Schule ist sehr wichtig, da Englischkenntnisse bei internationalen Wirtschaftskontakten eine Notwendigkeit darstellen. Eine zusätzliche Fremdsprache zu beherrschen ist ein riesiges Plus.  

Welche Veränderungen würden Sie dem bulgarischen Bildungsministerium empfehlen?

Die Arbeit des Lehrers soll attraktiver gemacht werden, attraktiv sowohl im interaktiven als auch im finanziellen Sinne.  

Sie sind nun seit zehn Jahren in Bulgarien. Haben Sie Entwicklungen bemerkt?

Ja. Es ist sauberer geworden und die Menschen achten mehr auf den Umweltschutz. Auch was die jungen Menschen betrifft, bemerke ich eine Veränderung. Bei ihnen wächst ein enormes Selbstbewusstseins. Eine neue Identifizierung mit Bulgarien hat stattgefunden: Die Jugendlichen wollen Heute zwar immer noch ins Ausland, aber die meisten wollen danach zurückkehren.

Welche sind die positiven und negativen Seiten des Lebens hier in Bulgarien?

Ich habe in Bulgarien eine besonders positive Art von Gastfreundschaft erlebt. Für mich sind Belogradtschik, die Rhodopen und auch St. Konstantin und Elena ganz besondere Gegenden. Ein Problem, auf das ich während meiner Schwangerschaft gestoßen bin, ist das Gesundheitswesen. Mit Geld kann man eine Sonderbehandlung erhalten. Aber nicht einmal alle Leute können sich Medikamente leisten, weil sie zu teuer sind. Ich bin aber der Meinung, dass sich das Gesundheitswesen in Zukunft verbessern muss und wird.  

Sie arbeiten im k.education Projektbüro Sofia. Was ist das eigentlich und welche Projekte werden zurzeit durchgeführt?

Wir arbeiten im Auftrag des Österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft. Wir organisieren Fortbildungsseminare für Direktoren, Inspektoren und Lehrer, die danach als Multiplikatoren tätig sind. Eine andere Arbeitsschiene ist die Ausarbeitung von Lehrbüchern. Ausserdem statten wir Pilotschulen aus, was aber viel kostet. Wir müssen stets darauf achten, wo es sinnvoll ist zu investieren, weil unsere Finanzressourcen beschränkt sind. Wir arbeiten von Anfang an mit Wirtschaftsschulen, später auch mit Tourismusschulen und seit 2004 führen wir gemeinsam mit dem Goethe-Institut Sofia das Projekt «Demokratische Schule« durch. 

Heisst das, dass die Bulgarische Schule mehr Demokratie braucht?

Mehr Demokratie schadet keiner Schule, auch den österreichischen nicht. Demokratie bedeutet nicht nur Freiheit, sondern auch Pflichten und Verantwortung. Darum geht es im Projekt, das sowohl Schüler als auch Lehrer, Direktoren und Eltern umfasst. Es geht uns darum, die Schulstruktur so zu verändern, dass sich die Schüler an der Schulorganisation aktiver beteiligen können. Ein erfolgreiches Beispiel ist die 73. Schule in Sofia, wo ein Schulparlament gegründet wurde. Daran nehmen vorwiegend Schüler, aber auch Lehrer und Eltern teil. Und die Direktorin hat sich bereit erklärt, die Entscheidungen des Parlaments zu berücksichtigen.  

Warum ist Bildung wichtig?

Na ja, man ist eigentlich das, was man in seinem Leben gelernt hat. Man lernt jeden Tag etwas Neues. Die Ausbildung endet nicht mit dem Reifezeugnis oder dem Diplom.