Politik | 09.10.2006

Fluch oder Geschenk?

Senkt die gehobene Atmosphäre und das erweiterte Rahmenprogramm die Produktivität der Teilnehmenden? Einige kritische Fragen zum Drum und Dran der Jugendsession 2006.
Fotos: Jonas Bischoff, Josias Brotbeck und Daniel Hollenstein

Gemütliche Lounge statt gehobene Atmosphäre im Nationalratssaal, verhaltenes Gähnen bei den Ausführungen von Frau Vize-Nationalratspräsidentin Egerszegi: Schon zu Beginn der Jugendsession fragte man sich, welche Auswirkungen das noble Umfeld wohl auf die Fruchtbarkeit der Diskussionen haben würde. Keine Regionalsessionen mehr, weniger Zeit für die Diskussionsgruppen, dafür mehr fürs Rahmenprogramm. Ob damit den Teilnehmern ein Geschenk gemacht oder doch eher ein Stein in den Weg gelegt wurde? Früher der langen Vorbereitung entsprungene Petitionen müssen nun innerhalb des Samstagnachmittags und Sonntagmorgens ausgearbeitet werden. Jerun Affolter, verantwortlich für das Rahmenprogramm der Jugendsession 2006, lässt das nicht gelten: «Die Petitionen früherer Regionalsessionen sind jeweils versandet.« So oder so müsse an der eidgenössischen Jugendsession nochmals von vorne angefangen werden.

Designer-Hotel statt Jugi

Die Session wird vom Blick als Wellnessferien für die eidgenössischen Räte abgetan. Wollte auch die Jugendsession nachziehen? Auch dank Sponsorings von lokalen Unternehmen werden Workshops möglich, viele davon im reinen Fun-Bereich. «Diese sind jedoch freiwillig«, erklärt Jerun. Auch die Unterbringung im Laaxer Riders Palace wirft Fragen auf: Würde die Jugi den Charakter der Jugendsession nicht besser verkörpern? Verleitet nicht die Aussicht auf die Rückkehr der jungen Klientel die Hoteliers zu ihrem Service? «Das Engagement ist sicher teilweise darauf zurückzuführen«, sagt Jerun. Allerdings kann er sich nicht vorstellen, dass der grosse Einsatz nur daher rührt. Und haben nicht auch die Jugendlichen dasselbe Anrecht auf Komfort wie die Räte im benachbarten Flims? 

Umstrittener Gimma

Am Samstagabend ist es soweit: Es wird dem Alkoholgenuss und der lauten Musik gefrönt. Ob Rapper Gimma mit seinen derben Texten zur Jugendsession passt, sei dahingestellt. Es scheint zumindest Vielen zu gefallen. Am nächsten Morgen zeichnet sich ein eher tristes Bild, als viele müde und verkaterte Teilnehmer verspätet zum Morgenessen eintreffen. In den letzten Jahren hat die Party nie geschadet. Sie gehört zur Jugendsession. Allerdings fand sie bisher nicht bereits am Starttag statt.

Was meinen die Direktbeteiligten, also die Teilnehmer dazu? «Das Rahmenprogramm ist ein guter Ausgleich zur politischen Betätigung«, sagt Teilnehmer Frederic Laggr. Diese komme aber nicht zu kurz. Die Petitionen wurden alle mehr oder weniger termingerecht fertig gestellt. Und die komfortable Unterbringung lenkt nicht vom Wesentlichen ab, sondern kann vielmehr auch entspannend und anregend sein. Tanja Dellafior meint, gerade dank der Party bestehe die Möglichkeit sich besser kennen zu lernen. Also allgemein eine positive Resonanz. Liegts an der unverkrampfteren Art der Jungen?

Für eine erfolgreiche Jugendsession sind die sozialen Aspekte und die Freude genauso wichtig wie das politische Vorankommen. Schliesslich muss der Erfolg nicht zwingend nur bei den Petitionen liegen. Der Erfolg ist auch die Erfahrung, die alle Teilnehmenden gemacht haben, und was aus ihr entsteht.