Gesellschaft | 16.10.2006

Ernte gut, alles gut

Text von Rahel Bachmann
Im Bündner Tal Bergell unterhalb des Engadins erstreckt sich einer der grössten zusammenhängenden Kastanienwälder Europas.
Die reifen Kastanien fallen mit oder ohne Hülle zu Boden. Das Gras wurde zuvor gemäht, damit sie einfacher zu sammeln sind. In Handarbeit werden die Kastanien aufgesammelt. Die Hüllen und Blätter werden in der Selve verbrannt. Auch Leute aus dem nahen Italien sammeln hier Kastanien. Gesammelte Kastanien. Cascinas zum Dörren.

Zur Zeit der Kastanienernte ab Mitte Oktober bis in den November hinein herrscht in den sonst ruhigen Selven – so nennt man den kultivierter Teil der Kastanienwälder – Hochbetrieb. In mühsamer Handarbeit werden die Früchte aus ihren stachligen Hüllen gelöst und aufgesammelt.

Ältere Paare oder ganze Familien machen sich mit Säcken und Kesseln auf in ihren Waldabschnitt zum Sammeln. Die Einnahmen aus dem Verkauf frischer oder gedörrter Kastanien vermag den Aufwand, der bei der traditionell verrichteten Arbeit entsteht, kaum zu decken. Touristen, die mit Aktionen angelockt werden und die zahlreichen Kastanienspezialitäten einkaufen, machen einen Teil des Defizits wett. Not macht erfinderisch, es werden allerlei Spezialitäten angeboten: Likör, Teigwaren, Torten, Mehl und die dazugehörigen Rezeptbücher, Kochkurse, Führungen, Lehrpfade bieten den Feriengästen ein rundum Paket.

Daneben geht die Ernte weiter. Die leeren Kastanienhüllen und das Laub werden direkt in den Selven zu Haufen gerecht und verbrannt. Typisch für die Zeit sind Rauchschwaden die durch den Wald ziehen. Ein Teil davon kommt auch aus den Cascinas, den Dörrhäuschen, in denen die Feuer zum Trockenen der Kastanien brennen. 

Die Cascina besteht aus einem Raum, der in der Mitte durch einen Holzrost unterteilt ist. Im unteren Teil wird nun das Feuer entfacht, die auf dem Rost liegenden Kastanien werden durch Hitze und Rauch getrocknet. Nach vier bis sechs Wochen sind die Kastanien vollständig gedörrt, sie werden in speziellen Säcken über Baumstümpfe oder einen andern harten Untergrund geschlagen, so dass sich die Frucht von der dunkelbraunen Schale löst. Die Kastanien können nun den ganzen Winter über gelagert werden und bei bedarf zu Mehl oder einem anderen Produkt weiterverarbeitet werden.  

Das Kulturgut dieser traditionell betriebenen Landwirtschaft, wird dank dem Interesse der Touristen erhalten bleiben. Die Rauchschwaden werden im nächsten Jahr wieder kehren.  

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