Kultur | 09.10.2006

“Der Dirigent muss immer zwei Parteien gerecht werden”

Text von Andreas Renggli
Im letzten Jahr initiierten junge Aargauer Musikerinnen und Musiker die Orchesterschule Intakt. Sie verbindet Profis und Studenten mit Amateuren. Dorothe Zimmermann über die ersten Erfolge und noch bevorstehende Herausforderungen.
Gruppenbild vom ersten Projekt im März 2005 Dorothe zusammen mit Roman bei den Vorbereitungen: "Das Hauptproblem ist vielmehr ein finanzielles denn ein musikalisches."

Im Frühling 2005 habt ihr das Projekt Intakt lanciert. Um was geht es dabei?

Die Idee, ein halbprofessionelles Kammerorchester zu gründen, entstand schon, als wir, Franziska Frey und ich, zusammen im Siggenthaler Jugendorchester spielten. In diesem Orchester lernten wir auch einige professionelle Musiker kennen, die sich ebenfalls für die Idee eines semiprofessionellen Orchesters begeistern liessen. Als wir dann im Jugendorchester aufhörten, begannen wir uns ernsthaft damit auseinanderzusetzen ein solches Ensemble zu gründen. Dabei stellten wir uns vor allem eine Orchesterschule vor.

Was ist eine Orchesterschule?

Eine Orchesterschule will, wie der Name schon sagt, das Spiel im Orchester lehren. Dies funktioniert so, dass die Musikstudenten als Stimmführer oder auch als Pultnachbarn ihr Wissen den Amateuren vermitteln können. Sie geben Tipps, etwa Bogenstriche, Fingersätze oder Intonation, sie führen ihr Register und leiten Registerproben. Dies funktioniert aber nur, wenn auch die Amateure sehr fortgeschritten sind und bereits viel Orchestererfahrung mitbringen.

Wieso sind sie in der Schweiz so selten?

Ein grosses Problem der Orchesterschule ist der finanzielle Aufwand. Wenn man alle Studenten und professionellen Musiker entlöhnen wollte, dann würde das sehr teuer. Zudem ist es auch zeitintensiv, es wird mehr geprobt als in einem rein professionellen Orchester. Auch vom Dirigenten wird viel abverlangt: Er muss immer zwei Parteien gerecht werden, die einen wollen nicht überfordert, die andern nicht unterfordert werden. Es braucht also sehr viel Einsatz von allen Seiten. Deshalb gibt es wohl nur wenige Orchesterschulen.

Wie habt ihr die Leute für ein ganzes Orchester gefunden?

Als erstes musste da ein Dirigent gefunden werden. Ein befreundeter Musiker fragte Andreas Brenner, der an der Musikhochschule Luzern auch die Junge Philharmonie Zentralschweiz leitet, an, der sofort zusagte und uns auch gleich bei der Programmwahl und bei anderen organisatorischen Fragen unterstützte. Dann fragten wir Musiker, Musikstudenten und fortgeschrittene Amateure an. Im Juni 2005 fanden dann die ersten Proben und Konzerte statt. Alle, auch die professionellen Musiker und der Dirigent, spielten gratis mit, da wir in dieser kurzen Zeit beinahe kein Geld auftreiben konnten. Die Probearbeit war sehr spannend und konzentriert und die Konzerte gelangen sehr gut. Auch die Stimmung im Orchester war von Beginn an sehr gut, was sich auch beim gemeinsamen Grillieren nach Konzert und Probe zeigte. Deshalb haben wir uns entschieden dieses Projekt weiterzuführen. Da auch das zweite Projekt sehr gut gelungen ist und auf viel Resonanz gestossen ist – die Kapelle in Baden erwies sich für die vielen Konzertbesucher eindeutig als zu klein, haben wir uns nun entschieden, das Projekt bis auf weiteres durchzuführen.

Was wollt ihr in naher Zukunft weiter erreichen?

Das Wichtigste ist eigentlich im Moment, dass es weitergeht mit Proben und Konzerten. Geplant sind zwei Projekte pro Jahr. Es ist ein Ziel, dass immer mehr Leute dieses Orchester kennen, sich für die Konzerte interessieren und das Orchester auch finanziell unterstützen. Und natürlich brauchen wir auch immer genügend interessierte Orchestermitglieder, wobei dies im Moment kein Problem ist.

Geht es auch darum, junge Leute als Publikum für klassische Musik zu gewinnen?

Ja, dies ist nebenbei schon auch ein Ziel. Viele junge Leute haben kaum Zugang zur klassischen Musik. Sie wird von vielen als etwas Langweiliges, Braves empfunden. Es ist schwieriger diese Musik kennen zu lernen, wenn man selber nicht ein klassisches Instrument spielt. Wenn am Konzert ein junges Orchester auf der Bühne sitzt, lassen sich Jugendliche noch eher begeistern, ihr Bild von der klassischen Musik wird entstaubt.

Wenn Profis mit Leuten in Ausbildung und Amateuren spielen, kommt das gut?

Natürlich gibt es da Unterschiede, unüberwindbar sind diese aber nicht. Man muss sich als Profi aber auf diese Art einlassen wollen, man muss interessiert daran sein, andern auch etwas zu zeigen. Man muss wissen, dass nicht alles selbstverständlich ist. Das Hauptproblem ist aber vielmehr ein finanzielles denn ein musikalisches. Kaum ein Musiker kann es sich leisten bei einem unbezahlten Projekt mit diesem Zeitaufwand mitzuwirken. Deshalb haben wir für das nächste Projekt nur Studenten und Amateure angefragt, nur die Solistin und der Dirigent sind professionelle Musiker.

Wer kann konkret bei Intakt mitmachen?

Mitmachen können Musikstudenten und Amateure, die schon viel Orchestererfahrung haben. Die Mitglieder sind etwa zwischen 20 und 30 Jahre alt und kommen aus den verschiedensten Kantonen, hauptsächlich aber aus dem Aargau. Die meisten Leute werden von uns angefragt, ob sie mitspielen möchten.

Was fällt auf der Ausgabenseite am meisten ins Gewicht?

Das ist schwierig zu sagen. Das Notenmaterial, das wir zum Beispiel letztes Mal in England mieten mussten, kostet pro Projekt etwa 800 Franken. Die Miete der Konzertsäle und der Proberaum kosten etwa 700 Franken. Dann kommen noch Flyer, Plakate und kleinere Auslagen dazu. Und dann ist es nach wie vor unser Ziel, irgendwann die mitwirkenden Studenten, die Profis und vor allem auch den Dirigenten finanziell zu entlöhnen, da es nicht vorausgesetzt werden kann, dass diese immer gratis mitspielen. Das wäre wohl der gewichtigste Kostenpunkt. Dies wird aber schwierig bleiben.

Für das nächste Projekt können wir den Studenten eine kleine pauschale Gage bezahlen. Dies ist für das Fortbestehen des Orchesters von grosser Bedeutung. Bei aller Ideologie, niemand spielt für längere Zeit unbezahlt, denn es handelt sich bei den Profis und Studenten nicht wie bei den Amateuren um ihr Hobby. Alles in allem kostet ein Projekt zwischen 8’000 und 10’000 Franken.

Wie schwierig gestaltet sich die Finanzierung des Projekts?

Da unser Projekt noch sehr jung und unbekannt ist, gestaltet sich die Finanzierung sehr aufwändig. Für das erste Projekt mussten wir vor allem auf private Gönner zurückgreifen. Das zweite Projekt wurde dann vom Kulturdünger, vom Kulturprozent der Migros und von der Stadt Baden finanziert. Wir hoffen, dass es mit zunehmendem Bekanntheitsgrad leichter wird finanzielle Unterstützung zu bekommen.

Links