Politik | 15.09.2006

Missbrauch und Kriminalität

Text von Johannes Bühler | Bilder von Johannes Bühler
Schwarze Asylanten dealen mit Drogen, Ausländer klauen und gehen Scheinehen ein. Sie missbrauchen das System und nützen uns aus - harte Argumente befürworten die neuen Gesetze. Aber wieso kommt es dazu? Ein verzweifelter Aufruf zur Menschlichkeit aus Reconvilier.
Missbrauch oder Menschlichkeit stoppen?
Bild: Johannes Bühler

«Finden sie es moralisch gerechtfertigt, die Liebe, den intimsten Bereich eines Menschen, staatlich zu kontrollieren, eine Person lebenslang an eine Beziehung zu binden, wenn sie nicht abgeschoben werden will? Wenn zwei Menschen heiraten wollen, sei das zwischen Schwarz und Weiss oder zwei weissen Personen, geht das die Polizei etwas an?  

Natürlich gibt es Menschen, die heiraten um an Papiere zu kommen. Ich bin nicht der Meinung, dass es gut ist, für Papiere zu heiraten! Aber ich weiss, wieso Menschen das tun. Es ist für viele Menschen die letzte Hoffnung, die letzte Möglichkeit zu überleben. Der Schweizer Staat sieht hingegen nur sein eigenes Problem: Da heiraten Menschen, um an Papiere zu kommen. Aber die Seite der Anderen sieht er nicht. Diese Menschen leiden. Sie hatten ein Problem und sind geflohen. Statt ihnen Schutz zu bieten, stellte man sie auf die Strasse oder vor das nächste Problem. Menschen die leiden, die innerlich schwer gelitten haben, verweigert man einen legalen Aufenthaltsstatus, eine legale Arbeit, eine legale Familie in einer legalen Gesellschaft. Das ist absurd.

Es gibt viele Probleme in der Schweiz, die sind nicht von Ausländern gemacht, sondern von der Politik, die das Leben so schwierig macht.«  

Wer verzweifelt ist macht vieles, um zu überleben

«Das Ganze ist sehr einfach: Wenn sie einen Menschen zur Verzweiflung bringen, wird er sich dementsprechend verhalten. Wenn sie noch härtere Gesetze machen und noch mehr Menschen daran verzweifeln, wird sich die Situation nicht verbessern. Der Schweizer Staat macht seinen eigenen Menschen das Leben schwer. Denn es sind die Schweizer Bürger, die schlussendlich die Probleme ausbaden müssen. Deshalb haben wir etwas gegen die Taktik dieses Staates. Wenn sie mich aus diesem Camp auf die Strasse schicken, werde ich in den Supermarkt gehen und zu einem Problem werden. Ich werde alles tun, um zu überleben. Ich will nicht Drogen verkaufen oder stehlen, aber ich will überleben.«

Kriminalität hat Gründe

«Ich hatte schon zwei Polizeikontrollen, seit ich hier bin. Ich bete jeden Morgen, dass dieser Tag heute ein guter sein wird. Denn Kontrollen sind nichts Schönes. Ich kenne Leute, die wurden schon öffentlich bis auf die Unterhose ausgezogen. Bei einem Weissen habe ich das noch nie gesehen. In der Schule hörte ich oft von Rassismus, aber erst in der Schweiz lernte ich, was das wirklich heisst. Ich kann mich vom ersten Tag an entscheiden, ein guter Mensch zu sein. Aber vielleicht reicht eine einzige Polizeikontrolle, die Art, wie sich der Polizist mir gegenüber benimmt, um meine Meinung zu ändern und mich zu einem ganz schlechten Menschen zu machen. Weil ich verzweifelt bin.

Wenn du dich entscheidest, kriminell zu sein, weißt du, wieso du dies tust. Du kannst nicht einfach am Morgen aufstehen und sagen: Ok, ich muss jetzt kriminell werden. Da gibt es einen Grund.

Ich erhalte 280 Franken im Monat und darf nicht arbeiten gehen. Damit muss ich Essen, Kleider und alle anderen wichtigen Dinge besorgen. Können sie von mir erwarten, dass ich immer ein Zugbillet nach Biel bezahle, um einkaufen zu gehen? Vielleicht bezahle ich das erste Mal, das nächste Mal reicht mir das Geld nicht. Macht mir keinen Vorwurf, wenn ich es nicht bezahle.«