Politik | 15.09.2006

„Menschen machen Papiere – nicht umgekehrt!“

Abu Bakka Barrie Asyl-Gesuch ist seit neun Monaten in Bearbeitung. Da er aber keine Papiere vorweisen kann, ist die Chance klein, dass darauf je eingetreten wird. Würde das neue Gesetz in Kraft treten, würde er bereits nach 48 Stunden in sein Herkunftsland abgeschoben.
Abu Bakka Barrie: „Wir sind Menschen -“ behandelt uns wie Menschen-œ. Fotos: Johannes Bühler

Herr Barrie, wieso suchen Sie in der Schweiz Asyl?

Ich wurde in Sierra Leone geboren. Mein Land ist seit elf Jahren im Krieg, wir haben vieles durchgemacht und viel gelitten. Ich war Kindersoldat und wurde gezwungen schreckliche Dinge zu tun. Ich wurde von Menschen gejagt, aber ich habe nie gewünscht, ein Soldat zu sein und Häuser niederzubrennen. Darum habe ich mein Land verlassen, um einen Ort zu suchen, wo ich leben kann.

Was erwarten Sie von uns?

Viele Menschen denken, wir kommen aus einem armen Land in die Schweiz und wollen ein besseres Leben. Dabei kommt es nicht darauf an, ob du reich oder arm bist – ein Flüchtling ist ein Flüchtling. Wann immer du ein Problem hast, hast du das Recht an einen anderen Ort zu gehen und nach Schutz zu suchen. Wir sind nicht hier, weil wir von euch profitieren wollen, sondern weil wir beschützt sein wollen, weil wir überleben wollen.

Und die Schweiz muss sich dafür aufopfern.

Während des zweiten Weltkrieges war Europa in der gleichen Situation. Menschen litten und kämpften überall in Europa. Wer diese Zeit erlebt hat, weiss wie es jetzt Afrika ergeht. Mein Grossvater kämpfte damals mit den Franzosen im Krieg. Er hat Europa geholfen, das damals in Not war. Jetzt ist Afrika in Not. Es bringt nichts, wenn jeder nur für sich selber schaut. Einige Menschen sind reich, andere sind arm. Aber niemand will arm sein. Wir müssen Probleme ausrotten, nicht neue schaffen.

Was nützt es uns, wenn wir Flüchtlingen helfen? Wir können es ohnehin nicht allen recht machen.

Wenn du jemandem nicht helfen kannst, zerstöre ihn nicht! Öffne ihm den Weg, sage «gehe irgendwo hin, wo du leben kannst«, aber schicke ihn nicht zurück in sein Land, sonst tötest du ihn. Ich verlange nicht Aufenthaltsstatus für alle Ausländer. Aber behandelt sie als Menschen. Wenn ihr sie aufnehmt, werden sie euch auch helfen. Und wenn nicht, dann lasst sie als freie Menschen leben, damit sie überleben können.

Wie viel müssen wir euch denn geben?

Es ist das Recht des Reichen, dem Armen zu helfen. Es ist keine Pflicht. Aber wenn er es nicht tut, wenn er seine Türe verschliesst, so zerschmettert er damit vielleicht seine Haustüre. Denn irgendwann wird der Arme kommen, weil er auch überleben will. Jeder Mensch will überleben. Kein Mensch will in Armut leben, während der andere seinen Reichtum geniesst.

Aber der Arme ist selber verantwortlich für sein Schicksal.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Waffen töten und zerstören, Waffen bringen nur Probleme. Aber Menschen verkaufen Waffen, weil sie Geld wollen. Die Schweiz ist Teil davon. Deshalb ist sie verantwortlich für die Probleme in der Welt. Wenn ihr wollt, dass diese Menschen in Frieden leben, dann hört auf, Waffen in arme Länder zu verkaufen. Denn wenn sie kämpfen, werden sie an eure Türen klopfen, weil sie überleben wollen. Wenn sie in Frieden leben, werden sie nicht kommen.

Als Afrika von Europa kolonialisiert wurde, haben wir eure Kultur angenommen und unsere eigene vergessen. Wir rutschten in alle diese Probleme hinein, weil wir eure Kultur angenommen haben, weil wir gelernt haben Kriege zu führen, nach Bodenschätzen zu suchen, nicht auf dem Land, sondern in Städten zu leben. Alle diese Probleme kommen aus Europa.

Sie sind gegen das neue Asylgesetz?

Die Menschen, die am 24. September abstimmen gehen, sollten etwas wissen, bevor sie den Stimmzettel ausfüllen: Wenn ich ein Flüchtling wäre, könnte ich Ja stimmen? Sie sollten wie ein Mensch denken. Wenn sie sich in mein Leben versetzen, können sie Ja stimmen? Versuchen Sie das Leben zu verstehen, das wir durchmachen.  

Aber das Gesetz will in erster Linie Missbrauch bekämpfen.

Wer in die Schweiz kommt und keinen Pass vorweisen kann, soll nach 48 Stunden in sein Land zurückgeschickt werden. Was ist das für ein Gesetz? Ich habe keine Papiere. Wenn du in einer Kriegssituation bist, denkst du nicht an deinen Pass. Du denkst an dein Leben.

Der Mensch hat ein Problem. Also frage ihn nach seinem Problem und nicht nach seinen Papieren. Menschen machen Papier. Also respektiert Menschen und nicht Papiere. Was ist der Sinn eines Ausweises im Asylwesen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn dieses Haus hier brennt, werde ich nicht zuerst nach meinem Pass schauen. Ich fliehe aus dem Haus, weil ich überleben will. Und jetzt wenn ich draussen bin, fragst du mich nach meinem Problem. Ich sage, ich sei aus diesem Haus geflohen. Du fragst, ob ich Papiere habe, um zu beweisen, dass ich aus diesem brennenden Haus komme. Ist das wichtig? Wieso brauchen Sie einen Ausweis mehr als eine Person? Diese Frage soll mir Herr Blocher beantworten.

Dann kann jeder den Pass wegwerfen und somit das Asylwesen missbrauchen.

Ich kann Ihnen sagen: Keiner verlässt freiwillig sein Land unter solchen Umständen, wie wir es taten. Kein Mensch will sein Land verlassen und in ein anderes gehen, solange er in seiner Heimat in Frieden und Glücklichkeit leben kann. Sie wollen auch nicht in die USA gehen, um Asyl zu ersuchen, wenn Sie hier in der Schweiz ein besseres Leben haben können.

Wenn ich Sierra Leone verlasse, heisst das nicht, dass ich dort weggehen will. Ich bin gegangen, weil es für mich keine Möglichkeit mehr gab, dort zu leben. Wenn man mir jetzt aber sagt, ich soll zurück gehen, so töten sie mich.

Und deshalb nehmen Sie uns unser Geld und unsere Arbeit weg?

Ich kriege 9.30 Franken pro Tag. Ich lebe in diesem Camp. Ich darf nicht arbeiten. Ich darf nicht als freier Mensch hier leben. Wie kann ich den Schweizern das Geld wegnehmen und ein besseres Leben führen? Mit dem Geld muss ich Kleider und Essen kaufen, einen Kühlschrank, damit ich nicht jeden Tag nach Biel fahren muss, einen Fernseher. Ich erhalte 280 Franken für einen Monat. Sagen Sie mir, könnten Sie ein solches Leben führen? Ich bin nicht glücklich, in diesem Zentrum zu leben. Ich lebe hier, weil ich keine Wahl habe.

Wir können ja nicht jeden einfach so aufnehmen? Irgendwann ist das Boot voll.

Wir sind ein Problem für euch, das sehe ich, und ich bin nicht glücklich. Aber habt ihr die armen Länder immer in Ruhe gelassen, damit sie ihren Lebensstandart verbessern konnten? Man kann nicht hingehen, Menschen bestechen und schädigen und ihnen anschliessend sagen «Geht!«. Wenn wir von Afrika kommen und  um Asyl ersuchen, werden wir fortgeschickt. Wenn unsere Präsidenten mit viel Geld kommen, dass sie uns weggenommen haben, nehmen und behalten sie es. Aber wir sterben an Hunger. Sie zerstören uns. Wenn sie uns helfen wollen, sollen sie diese Präsidenten mit ihrem Geld zurückschicken und sagen «helft euren Menschen«, damit wir ein friedliches Leben führen können. Wenn man Menschen an einem Ort leiden lässt, wird man irgendwann selbst leiden. Wenn ihr genug habt von den Armen, so lasst dem armen Menschen auch sein Leben. Wer den Armen nicht Schaden zufügt, wird von ihnen auch nicht gestört. Ich zwinge niemanden, mir jeden Tag zehn Franken zu geben. Aber wenn sie mir verbieten zu arbeiten, frei zu leben und nach Schutz zu suchen, werde ich sie stören.

Möchten Sie, dass das neue Asylgesetz vom Volk verworfen wird?

Ich möchte, dass alle Menschen, die am 24. September abstimmen gehen, unser Asylcamp besuchen kommen. Die Türe ist offen hier. Sie können alle kommen und sich ein Bild von uns machen. Wir sind Menschen. Sie müssen nicht nur auf Herrn Blocher oder Politiker hören, welche eine Gehirnwäsche ohne Gleichen betreiben. Blocher lebt in seinem Palast. Ihr lebt in einem schönen Haus. Sie können sich nicht vorstellen, wie wir hier leben.