Kultur | 04.09.2006

Frischer Wind am Jungen Schauspielhaus Zürich

Text von Laura D'Incau | Bilder von Paul Steinmann
Rainer Werner Fassbinder ist auch 20 Jahre nach seinem Tod Vorbild für Filmemacher und Theaterschaffende. 19 Schauspieler aus der Schweiz, Deutschland und Österreich proben derzeit unter der Leitung des Jungregisseurs Moritz Schönecker am Jungen Schauspielhaus Zürich das Stück «Preparadise sorry now«.
Die junge Schauspielgruppe um Regisseur Moritz Schönecker.
Bild: Paul Steinmann

“54 Szenen zugunsten einer zukünftigen Anarchie”: Dies war der Untertitel des Stückes «Preparadise sorry now«, das 1969 unter der Regie von Peer Raben uraufgeführt wurde. Rainer Werner Fassbinder lieferte die Textvorlage dazu.Das Paradies auf Erden bleibt den Figuren des Stückes verwehrt. In kurzen, von Agressivität durchsetzten Szenen, werden oppresive Verhaltensmuster im Alltag beschrieben.

Die einzelnen Szenen beruhen immer auf der Ausgrenzung einzelner Personen, die sich später irgendwann an der Gesellschaft rächen werden. In diese Szenen eingeflochten ist die wahre Geschichte von Ian Brady und Myra Hinley (in Realität Hindley). In den beiden britischen Serienmördern der frühen 60er Jahre findet Fassbinder das reale und historische Vorbild von Aussenseitern, welche die ihnen zugefügten Verletzungen einer Gesellschaft zurückgeben, die der Autor als unterdrückerisch und faschistoid bezeichnet. Schleichend wird deutlich, in welchem Zusammenhang die alltägliche Gewalt mit den extremen Perversionen der beiden Serienmördern steht: Sie bildet den Nährboden, auf dem perverse Auswüchse entstehen können. «Preparadise sorry now« trägt noch eine zweite Überschrift: «Das grausame Spiel von Erhebung und Demut – Die Liturgie des Verbrechens«.

Regiewerkstatt  

In zunehmendem Masse stellt sich heute die Frage nach der Genese von extremer und extremistischer Gewalt. Fassbinders kalte seziertischartige Analyse hat nichts an Relevanz eingebüßt. Ratlos stehen Pädagogen und Soziologen auch heute der zunehmenden Gewaltbereitschaft junger Menschen gegenüber. In der Regiewerkstatt des Jungen Schauspielhauses Zürich nimmt sich der 25-jährige Münchner Nachwuchsregiesseur Moritz Schönecker nun das Stück vor. Zusammen mit einer verhältnissmässig grossen Gruppe aus Schauspielschülern, einem Schauspieler und Laien aus der Schweiz, Deutschland und Österreich setzt er sich zum Ziel, die unbequemen aber notwendigen Fragen des Stücks auf neue und zeitgemässe Art zu stellen. Die Szenen werden in dieser Produktion so aneinandermontiert, dass sich langsam, nach und nach, ein Schreckenspanorama herauskristallisiert, das unausweichlich auf die Katastrophe zutreibt. Mit den durchgehenden akustischen Spuren von Felix Lange, dem abstrakt gehaltenen Bühnenbild von Paul Simon Steinmann, einem hohen Spieltempo und der immensen körperlichen Energie der jungen Schauspieler soll es gelingen, eine eindringliche Atmosphäre herzustellen, der man sich im kleinen Raum der Halle 3 des Schiffbaus nur schwer entziehen kann.

Proben – Wer hat Angst vor Rainer Werner Fassbinder?

Wie damals, bei der Uraufführung 1969, findet die Gruppe über Improvisation zum Kern des Problems: Wo finde ich in mir selbst Keime von Gewalt? Wie drücken sie sich in meinen Verhaltensweisen aus? Wie normal kann Gewalt im Alltag sein?

Geprobt wird jede Szene für sich, immer in Dreier-Gruppen, immer zwei gegen einen. Jeden Tag in einer solchen Atmosphäre zu proben, ist nicht einfach und kann auch schon mal aufs Gemüt schlagen. Erst gegen Ende der Proben kristallisiert sich heraus, in welcher Reihenfolge die Szenen stehen sollen. Die Proben dauern im ganzen sechs Wochen, was im Vergleich zu anderen Produktionen eine eher kurze Zeit ist und jedem Einzelnen der Mitwirkenden grossen Einsatz und Konzentration abverlangt. Über allem schwebt die Frage nach der Sprache, in der sich Gewalt ausdrücken kann, sei es körperlich oder verbal.

Fassbinder zerlegt seinen Text in zunächst schwer zugängliche Sinneinheiten, die oft nicht zu verstehen sind, ohne dass man die körperlichen Handlungen zwischen den wenigen gesprochenen Sätzen mitdenkt. Fassbinder hantiert mit einer genialen Kunstsprache irgendwo zwischen bairischem Dialekt und deutscher Hochlautung. Die Herausforderung der Probenarbeit besteht deswegen darin, subtextuelle Rückübersetzungen zu finden, die für die Schauspieler heute funktionieren können, Szene für Szene. Wer hat Angst vor Rainer Werner Fassbinder? Diese Gruppe bestimmt nicht.

Die Premiere von “Preparadise sorry now” findet am 15. September in Zürich im Schiffbau in der Halle 3 statt. Weitere Aufführungen gibt es am 20., 21., 22., 23. und 24 September.

 

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