Kultur | 25.09.2006

„Eine Realität, die wir hier nicht haben“

Die 19-jährige Saskia Beck hat vor kurzem eine Galerie eröffnet. Am kommenden Freitag findet in Worben die Vernissage zu ihrer ersten eigenen Ausstellung «Eindrücke vor, während und nach Sao Paulo« statt. Tink.ch hat mit ihr über die Reise nach Brasilien, die Erlebnisse in den Favelas und ihre Bilder gesprochen.
Saskia Beck präsentiert ihre Erinnerungen an Brasilien.
Bild: Janosch Szabo. Natur. Morgenstimmung auf einer brasilianischen Farm. Fotos: Saskia Beck. Leben. Die Früchte des Bananenbaums Armut. Ein Zuhause in der Favela Horizonte Azul

Bald ist die Vernissage deiner ersten Ausstellung. Was willst du mit den Fotos und Skizzen von der Brasilienreise aussagen?

Ein Bild ist nur ein kleiner Ausschnitt, von dem, was ich dort in Sao Paulo gesehen habe. Ich bin gespannt, wie das hier in der Schweiz auf die Leute wirkt, wie weit ich mit einem Bild das vermitteln kann, was ich erlebt habe.

Jede der fünf Wochen in Brasilien hat für mich ein paar Clouwörter, wie Glaube, Hoffnung oder Realität. Ich hänge diese Begriffe zwischen die Bilder. Ob die Ausstellungsbesucher damit etwas anfangen können oder nicht, will ich offen lassen. Ich will den Betrachtern meine Gedanken zeigen und doch Freiräume lassen.

Ganz am Anfang warst du zusammen mit einer Gruppe auf einer Farm.

Ja, da konnten wir ankommen, hatten Ruhe und Zeit. Wir waren noch geborgen, konnten auch geniessen, einfach sein und uns vorbereiten auf das was kommen würde: Das riesige Chaos der Stadt. Ich habe dort einen anderen Bezug zur Natur bekommen. Ich habe gemerkt, dass sie mitgebrachte Gefühle auslösen oder verstärken kann. Ich hatte zum Beispiel gewisse Ängste in die Favelas zu gehen. Dort auf der Farm, wo wir Zeit hatten, sind sie hoch gekommen und zum Teil auch stärker geworden.

Mich nimmt nun Wunder, wie meine Naturbilder auf die Betrachter wirken, ob sie bei ihnen Gefühle auslösen, die sie aus ihrem Alltag mitbringen, ob sie Gedanken auslösen, die über das, was man sieht, zum Beispiel einen Bananenbaum, hinausgehen.

Wie ging eure Reise weiter?

In der zweiten Woche wurden wir ins kalte Wasser geworfen, waren plötzlich mitten in den Favelas von Sao Paulo. All die Ängste, die wir vorher durchgemacht hatten, waren auf einmal verschwunden. Es gab gar keinen Platz mehr dafür, denn so viele Eindrücke überschwemmten uns.

Was haben diese Eindrücke bei dir bewirkt?

Viele Fragen kamen hoch. Zum Beispiel: Was ist meine Aufgabe, wenn ich das schon sehen darf? Gibt es irgendetwas, das ich machen kann? Zum Zeichnen hatte ich auf dieser ersten Fahrt in die Favelas keine Zeit, aber ich hatte die Kamera dabei, in einem Plastiksack versteckt, damit ja niemand merkt, dass ich etwas Wertvolles dabei habe. Ich konnte sie immer nur kurz herausnehmen, ein paar Fotos machen und musste sie dann wieder zurücktun.  Das Fotografieren wurde für mich zum Weg, wie ich etwas von dort zurücknehmen und hier in der Schweiz den Leuten zeigen kann.

In den Favelas hast du Armut gesehen. Was ist das für eine Armut?

Es ist eine äusserliche, materielle Armut, die nichts versteckt. Es ist viel eher eine Realität. Es ist einfach so, wie es ist. Denn Mittel, sich oder das Problem zu verstecken, gibt es nicht. Es gibt keine Medikamente, es gibt keine schönen Häuser. Krankheiten kommen dort einfach zum Ausbruch und werden ausgelebt. Man nimmt das, was auf einen zukommt. Der Mensch steht viel mehr im Mittelpunkt.

Manchmal ist die Liebe das Einzige, was sich die Menschen, die dort leben, noch geben können. Ich habe ein behindertes Kind gesehen, das ohne Rollstuhl und ohne Medikamente seit 15 Jahren in einem Bett liegt. Seine Mutter schaut zu ihm, hungert neben dran. Und trotzdem: Irgendwie, durch diese Liebe, leben die Leute. Sie haben nichts, aber geben einfach nicht auf. Diese Kraft, die sie haben, gibt Mut.

Es ist eine Realität, die wir hier nicht haben. Hier ist alles viel mehr versteckt, viel mehr Schein. Hier werden den Menschen oft Medikamente gegeben und dadurch die Probleme im Grunde überdeckt.

Es sind grosse Differenzen da.

Und trotzdem hängt alles zusammen. Die Wirtschaft ist so verknüpft. Je reicher wir werden, desto ärmer werden sie. Wir investieren mehr und mehr in die Forschung, entwickeln Gedanken, aber die Richtung stimmt nicht.

Wir könnten beispielsweise den Bewohnern der Favelas lehren, wie sie dort herauskommen, und gleichzeitig durch sie mehr an eine Realität herankommen, die hier bei uns in der Schweiz durch den Reichtum vertuscht wird. Wir könnten von ihnen lernen und sie von uns. So würde es einen Ausgleich geben, aber stattdessen wird die Spaltung immer grösser.

Siehst du eine Möglichkeit, diese Spaltung zu stoppen?

Ja, Verbindungen. In der dritten Woche war ich an der Connectivity-Konferenz in Sao Paulo. Dort sind Jugendliche aus der ganzen Welt zusammengekommen, es ging um Vernetzungen und Verbindungen, wir haben verschiedene Vorträge gehört und darüber diskutiert. Es waren auch ehemalige Favelabewohner dort. Die kamen mit viel Musik und Tanz, während die Europäer eher das Gedankliche mitbrachten. Beides ist dort an der Konferenz zusammengekommen und hat innerhalb der Woche einen genialen Ausgleich geschaffen. Wenn man nur denken würde, ginge das nicht. Wenn man nur tanzen würde, käme man auch nicht weiter. Die Künste waren ein Ausgleich zu den Gedanken, die man sich gemacht hat.

Welche Bedeutung haben für dich Gleichgewicht und Ausgleich?

Eine sehr zentrale. Ich sehe viele Pole, zwischen denen wir uns bewegen und ständig versuchen müssen, das Gleichgewicht zu finden, in erster Linie bei uns selber. Das, was ich in Brasilien gesehen habe, hilft mir einen Ausgleich zu finden. Jetzt kann ich mir ein bisschen vorstellen, was es heisst, mit nichts zu leben. Ich lebe ja hier mit sehr, sehr viel.

Wenn ein Mensch in sich selber die Ausgeglichenheit immer wieder findet, dann strahlt er das auch aus. Dann kann man auch grössere Dinge angehen. Wenn du selber ausgeglichen bist, kannst du dich auch wieder um Weltthemen kümmern.

In der vierten Woche dann habt ihr in einer Favela einen Spielplatz gebaut. War das auch ein Ausgleich?

Ja, sicher, ein Ausgleich im grösseren Sinne. Die Konferenz vorher war rein auf mentaler Ebene. Im Workcamp dann konnten wir etwas von den entstandenen Ideen konkret umsetzen. Dieser aktive praktische Schritt war sozusagen der zweite Ausgleich.

Wie war es für dich, als du zurück in die Schweiz gekommen bist?

Ich bin nach Hause gekommen voller Energie und hatte eigentlich keinen Kulturschock. Denn ich wusste ja, warum ich nach Brasilien gegangen war und dass ich wieder zurückkehren würde, mit dem was ich dort gefunden habe, mit Skizzen und Fotos.

Klar, man kommt hier wieder in alte Formen rein, aber die Erlebnisse und Eindrücke bestehen weiter, vermischen sich mit dem Leben hier. Die Energie lässt zwar nach, je weiter die Reise in die Vergangenheit rückt, jedoch kann ich sie immer wieder hervorrufen.


Die Vernissage zur Ausstellung «Eindrücke vor, während und nach Sao Paulo« in der Atelier-Galerie Worben an der Bielstrasse 9 in Worben beginnt am 29. September um 19 Uhr.