Gesellschaft | 18.09.2006

„Eine gute Zeitung ist wie ein interessanter Mensch“

Text von Janosch Szabo
Roger Köppel kommt bald zurück in die Schweiz, zurück zur Weltwoche und übernimmt dort Chefredaktion und Verlagsleitung. Noch ist er Chefredaktor der deutschen Tageszeitung Die Welt. Tink.ch traf ihn in Potsdam und sprach mit ihm über Zeitungen, den Wert der Realität und die Zukunft der Medien.
Roger Köppel kommt zurück in die Schweiz. Fotos: Janosch Szabo "Haben wir auf allen Seiten zugehört, um unser Bild möglichst vollständig zu machen?" Köppel wirft viele Fragen auf.

Wie wird sich die Medienwelt in Zukunft entwickeln?

Die Journalisten bekommen immer mehr Konkurrenz durch Leute, die ausserhalb von etablierten Zeitungen oder Radio- und Fernsehstationen ihre Sachen anbieten können. Stichwort Internet. Das verunsichert manche ein bisschen, wie wir hier am Colloquium gehört haben, wird aber viel zu dramatisch gesehen. Es gibt dadurch einfach ein bisschen mehr Wettbewerb in der ganzen Journalistenszene. Es gilt weiterhin: Sie müssen interessant sein, Sie müssen gute Sachen zu erzählen haben, damit die Leute die Aufmerksamkeit bei Ihnen haben, weil das Angebot immer vielfältiger und grösser wird.

Sie haben in Ihrer Rede zum Auftakt des M100 Sanssouci Colloquiums in Potsdam gesagt, dass die Aufgabe der Medien sei, die Realität darzustellen. Was bedeutet für Sie Realität?

Ich habe keinen Alleininterpretationsanspruch auf die Realität. Was ich damit meine: Journalisten sollen das schreiben, was ist. Sie sollen versuchen, die Dinge so anzuschauen, wie sie sind und nicht so, wie sie sie gerne selber hätten oder wie sie vorgefertigten Meinungen entsprechen. Sie sollen sich mit der grösstmöglichen Neugier den Themen zuwenden und skeptisch bleiben gegenüber allen Beschreibungen, Erzählweisen, Haltungen und Interpretationen. Das ist eigentlich ein Plädoyer für eine Urtugend des Journalismus: Versuche die Welt wirklich so anzuschauen, wie sie ist und nicht so, wie du sie gerne hättest.

Nehmen wir als Beispiel den Kampf gegen den Terrorismus. Welches die Guten, welches die Bösen sind, ist relativ einfach gesagt. Trotzdem müssen wir uns immer wieder die Fragen stellen: Haben wir die Natur dieser Auseinandersetzung wirklich begriffen? Um was geht es eigentlich? Warum sind Leute bereit, sich selber umzubringen um andere zu schädigen? Warum sind Leute bereit, ihr Leben einzusetzen, zum Beispiel um ein Haus in Manhattan in die Luft zu sprengen? Haben wir das wirklich verstanden? Haben wir auf allen Seiten zugehört, um unser Bild möglichst vollständig zu machen?  

Wie ist das bei Ihnen? Was machen Sie, damit Sie den vorgefassten Meinungen nicht verfallen?

Bei mir ist das genetisch. Ich glaube nicht, was erzählt wird. Ich bin ein misstrauischer Leser. Unsere Aufgabe als Journalisten besteht darin, permanente Frischluftzufuhr fürs Gehirn, für den Geist und für die intellektuelle Auseinandersetzung zu garantieren. Das ist mein Urimpuls. Das ist, was mich interessiert. Sobald sich alle zu einig sind, sobald es zu viel Konsens gibt, wird es mir zu eng, zu unbequem. Dann finde ich: Da gibt es doch noch eine andere Seite, es kann doch nicht alles so einfach sein.

Nehmen wir Putin als Beispiel: Westliche Medien in Europa sind sich alle einig: Der Putin ist eine Art kleiner Mafioso, oder ein kleiner Diktator. Stimmt das wirklich? Ich finde es für den Journalismus wichtig, immer wieder die grösstmögliche Freiheit in der Diskussion herzustellen und über alle sogenannten Tabus zu reden.  

Wie vermitteln Sie das ihren Mitarbeitern?

Das muss ich gar nicht erzählen, das lebe ich vor. Das ist der Grund, warum ich diesen Job mache.

Sie sind bald wieder Chefredaktor vom politischen Wochenmagazin Weltwoche. Warum soll es auch in Zukunft Zeitungen und Magazine geben? Zeitung ist bedrucktes Papier. Soll es das in Zukunft geben? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass es vermutlich so sein wird. Wenn nicht, dann wird man die Informationen halt anders an die Leute bringen. Trotzdem glaube ich, dass es weiterhin Zeitungen geben wird, denn die Leute brauchen sie. Sie wollen etwas lesen, sie sind ein bisschen faul, sie wollen sich nicht immer am Computer alles zusammensuchen, sie wollen, dass ihnen jemand etwas zusammenstellt. Eine gute Zeitung ist wie ein interessanter Mensch, den Sie immer wieder gerne zu sich nach Hause einladen. Dieses Bedürfnis wird nie abreissen. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis. Vor diesem Hintergrund bin ich nicht pessimistisch. 

Die Bemerkungen in der Diskussion am Colloquium waren weit ängstlicher.

Es ist seltsam, wenn Journalisten nur noch über Computer reden und eine Kulturkrise sehen, nur weil ein paar Leute im Internet herumsurfen. Das ist grauenhaft. Denn wie auch immer, eines steht fest: Das Bedürfnis nach interessanten, relevanten und guten Geschichten wird es immer geben. Ob die jetzt auf Zeitungspapier gedruckt, oder sonst irgendwo erscheinen, ist irrelevant. Wir Journalisten müssen ganz einfach gute Artikel schreiben und fertig. Wie man die dann vermarkten kann, darüber können sich andere Leute Gedanken machen. Für mich ist klar: Der Wettbewerb nimmt zu, wie in allen Bereichen. Es gibt neue Technologien und neue Fragen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Aber wenn eine Zeitung gut gemacht ist, wird sie auch überleben und weiter bestehen können.  

Sie kommen wieder zurück in die Schweiz zur Weltwoche. Was sind Ihre Ziele?

Einfach die interessanteste und intelligenteste Zeitung der Schweiz zu machen.  

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