Gesellschaft | 11.09.2006

Durch die Nacht mit Alex

Text von Lailo Sadeghi
Und zwar jedes Wochenende. Dies sagt man zumindest. Um den Wahrheitsgehalt dieses Gerüchts nachzugehen, begleitete Tink.ch einen jungen Solothurner auf der Suche nach Spass und Party.
Musik Trank und Tanz

Geht man durch die Strassen, könnte man meinen, die Welt befindet sich in einer postapokalyptischen Krise und die wenigen Überlebenden hätten nichts Besseres zu tun, als sich in kleinen Gruppen in Restaurants und Bars zu verschanzen. Nur am berüchtigten Aarequai, auch “Zäggeschtreife” oder “Aarestrich” genannt, halten sich über 50 Menschen auf. Dort wird wie jedes Wochenende getrunken, gekifft, dumm in der Gegend herumgestanden oder gar nichts gemacht.

Es wird gut, zweifellos

21:50 Uhr. Auf unseren Probanden treffen wir im Restaurant Kreuz. Hier hat der Abend begonnen, seit einer halben Stunde sitzt Alex* hier mit Gleichgesinnten, trinkt seinen Gerstensaft und erfreut sich über Kleinstadtgeschichten. «Also ich gehe dann mal ins Kofmehl«, ruft er in die Runde. Kaum das Bier ausgetrunken und die Freunde verabschiedet, kann es auch schon losgehen. Doch weit kommt er nicht. Einige Schritte und er trifft auf weitere Kameraden und Bekannte. Nach kurzem Wortwechsel kann die Reise wieder aufgenommen werden. Schliesslich sieht man sich ja später wieder, im Kofmehl. Alex ist optimistisch: «Dies wird zweifellos ein guter Abend.«

Unwichtige Worte und intensiver Körperkontakt

22:20 Uhr. In kleinen Gruppen sitzt, steht oder liegt hier die Solothurner Jugend. Einige warten auf Kollegen, andere trinken den Alkohol aus, den sie nicht hinein nehmen dürfen und einige stehen wieder nur dumm in der Gegend herum. Alex fackelt nicht lange rum und geht rein. Kaum drinnen angelangt, wird er von Zurufen überflutet. Hier kennt man ihn. Zuerst Bier holen, dann Smalltalk. Dieser fällt aufgrund der laut dröhnenden Musik schwer. Also ab auf die Tanzfläche. Mit dem steigenden Alkoholgehalt im Blut wird der Körperkontakt intensiver und die Worte werden unwichtiger. Laut hallt es aus den Boxen: «Ganjaaaa, Ganjaaaa.« Der Masse gefällt es. Viele fühlen sich dazu inspiriert, ihren selbst gedrehten Zigaretten etwas beizumischen. Alex hat nicht vor Ganja zu konsumieren. «Das braucht es nicht um Party zu machen.« Passiv tut er es trotzdem.

Auf dem richtigen Weg?

23:50 Uhr Obwohl sich eigentlich rein gar nichts verändert hat, sind plötzlich alle viel lustiger. Alex gefällt dies, er fühlt sich wohl. Er umarmt seine Freunde, holt noch mehr Bier und tanzt sich in Ekstase.

Wodkagespräche

01:30 Uhr. Jetzt wird es Alex zuviel, was er braucht, ist frische Luft und eine Pinkelpause. «Das hier ist die Sifferegge. Hier, wo wir sitzen, kotzen die meisten Leute hin.« Ihm scheint dies nichts auszumachen, vielen anderen auch nicht. Die meisten, die hier nach neuer Energie für eine Partynacht suchen, sitzen oder liegen und trinken oder kiffen. Für Alex sind die meisten hier Babysiffers. «So junge Möchtegerndraufgänger, welche das erste Mal in den Ausgang gehen und in Kontakt mit Alkohol kommen. Siehst du, was die da für Scheisse labert? Die ist total zu!« Als er aber erfährt, dass diese Babysiffers Wodka mit sich führen, ist er doch offen für den Dialog. Für Bier hat er kein Geld mehr. Das Letzte war nur ein Kleines und davon hat er einen Drittel verschüttet.

Gefürchtete Begegnungen

Nachdem neue Kraft getankt wurde, geht es wieder rein. Jedoch nicht auf die Tanzfläche. Unauffällig steht er abseits in einer Ecke. «Irgendwo hier ist Maria*, die darf mich auf keinen Fall sehen«. Doch die Musik ist zu gut und der Alkoholpegel zu hoch um sich zu verstecken. Alex macht weiter. Vergessen sind Alltagssorgen, vergessen sind alle Zweifel.

Und die Sehnsucht nach Ruhe

02:45 Uhr. Die Kräfte schwinden nach und nach. Auch der Vortrag «Männer sind Schweine« von Maria hat dazu beigetragen, dass er jede Motivation verloren hat. Mit Bekannten und Unbekannten lungert er noch etwas in der Raumbar herum. Doch irgendwann wird er richtig müde. So verabschiedet er sich um 03:10 endgültig. «Schliesslich muss ich morgen auf den ersten Zug.« Für Alex war der Abend, wie er es prophezeit hatte, gut. Denn was braucht der jugendliche Mensch von heute schon mehr als Musik, Drogen und Wochenende?

*Namen der Redaktion bekannt