Gesellschaft | 08.09.2006

Drei Lektionen zu Anstand und Respekt

Text von Anina Peter
Die heutige Jugend hat einfach keine Ahnung mehr, was Anstand bedeutet. Ja, ja früher war das noch ganz anders. Von der gestandenen Generation können wir noch viel lernen.

Ein denkwürdiger Tag: Ich habe heute viel über Zucht und Ordnung der guten alten Zeit gelernt. Heisst es nicht die ganze Zeit, dass die Jugend von heute weder Anstand, Respekt noch Höflichkeit kennt? Hätten wir uns vor zwanzig Jahren so benommen, wie das heute der Fall ist, unsere Hintern wären krebsrot von den vielen Schlägen. Diese noch anständige und gezüchtigte Generation hat mir heute jedoch Seiten ihrer Erziehung offenbart, die mich an dieser Vorbildsfunktion zweifeln lässt. Drei Lektionen zu Anstand, Freundlichkeit und Wohlerzogenheit. Diese Schulung kostete mich nur eine Stunde und ist bequem auf dem Arbeitsweg zu erfahren. 

Lektion 1: Der Schafsseckel

Viel zu früh bin ich von zu Hause los, will mir noch einen Caffe Latte im Denner holen. Auch wenn er mir keinen Koffeinschub gibt, vermittelt er wenigstens ein bisschen das Gefühl vom Morgenkaffee. An der Kasse die übliche Schlange und Warterei. Kein Problem, mein Zug fährt erst in 15 Minuten. Vor mir zwei Herren, einer mit Sohn im Kindergartenalter, der andere mit einem Wägelchen voller Tomatensauce, Brötchen und Bier. Der Vater lächelt mich an: «Fröllein, bitte gehen Sie vor!« «Oh, danke! Habe zwar genügend Zeit.« Er: «Neiiiiin, den Frauen lässt man doch den Vortritt.« Ha, das ist ja mal ein Gentleman, denke ich mir. Jetzt ist nur noch der Tomatensaucen-Käufer vor mir. Der Gentleman wirft einen Blick auf ihn, wendet sich seinem Sohn zu: «Junge, etwas musst du dir merken. Solche Typen wie der da vorne, sind Schafsseckel! Oh ja, strohdumme Schafsseckel! Der hat ja keine Ahnung was Anstand ist, Frauen lässt man immer vor!« Der Tomatensaucen-Mann wirft einen unsicheren Blick nach hinten. Der Gentleman schreit: «Ja, genau dich meine ich. Du Schafsseckel!« Wieder zum Jungen: «Heieiei, mein Junge, merk dir das. So sehen Schafsseckel aus!«  

Lektion 2: Fest draufhauen

Nach der wunderlichen Begegnung im Denner, ab in den Zug. Ich setze mich in ein freies Abteil. Im ganzen Waggon sind die Fenster ein bisschen geöffnet, ist ja auch ziemlich stickig hier drin. Kaum fährt der Zug los, kommt ein älterer Mann furienhaft auf mich losgestürzt. «Machen Sie dieses Fenster zu! Aber ein bisschen Dalli! Sie unerzogener Goof, sie!!« Da es für mich noch ein bisschen früh am Morgen ist, registriert mein Hirn, noch nicht ganz. Das einzige, was ich zustande bringe, ist ein verdutzter Blick. «Na los, sind sie etwa taub?!« Schreit der Alte weiter. Um seiner Aussage mehr Bedeutung beizumessen, fängt er an mich wie verrückt mit seiner Zeitung auf den Kopf zu schlagen. Ist das die feine Art? Naja, wenigstens habe ich gelernt, wozu gewisse Gratiszeitungen gut sind, wenn sich schon das Lesen nicht lohnt.  

Lektion 3: Alter schützt vor Torheit nicht

Dieser Tag scheint ja heiter zu werden. Habe heute schon Bekanntschaft mit einem Schafsseckel gemacht, mich vor einer alten Furie retten können, das kann ja nur noch besser werden. Nur gut, muss ich nur noch eine Tramfahrt überstehen, bevor ich endlich im Büro angelangt bin. Wie immer ist das Tram proppenvoll. Zusammengequetscht wie die Sardine in der Dose, stehe ich da zwischen meinen Leidensgenossen. «Nächste Station: Albisriederplatz!« Na toll noch mehr Leute, die unsere Gesellschaft geniessen wollen. Doch für jeden findet sich ein Plätzchen. Einzig eine ältere, mollige Frau gibt sich nicht mit dem ihren zufrieden. Quetscht sich an Kinderwagen, und uns schwitzenden, genervten Sardinen vorbei. Dabei schlägt sie dem Baby ihre Tasche ins Gesicht und der Mann neben mir, hätte wohl den Fussboden geküsst, wäre es nicht so eng. Anlass genug dieser Dränglerin hinterherzuschreien, meint er. «Sie dummes Huhn! Was wollen Sie denn da hinten?! Meinen Sie das ist besser dort?! Viel Spass dabei!« Sie bleibt stehen, wirft ihm einen giftigen Blick zu und quietscht lauter als eine Tramvollbremsung: «Haben Sie denn keinen Anstand? Sie dummer Hund!« Er schreit zurück: «Ja, ja! Selber keine Ahnung von Anstand!! Man könnte meinen in Ihem Alter sollte man etwas gelernt haben! So alt und immer noch so dumm!« Sie: «Oooh, passen Sie auf! Ich geb ihnen gleich Anstand! Sie Arschloch!« Er bricht in lautes Gelächter aus, sie macht Anstalten sich wieder nach vorne zu kämpfen. Doch zu spät, er ist schon ausgestiegen.  

Um einiges weiser beende auch ich mein Sardinendasein. Ach, die gute, alte Zeit. Wenn ich also mal Mami bin, muss mein Kind auf jeden Fall wissen, wie Schafsseckel aussehen, dass man statt ein Bitte besser einen Schlag mit der Zeitung anbringt. Das Wichtigste aber: Egal wie sehr du jemanden beschimpfst, bleibe höflich, benutze ein Sie. Man duzt doch wildfremde Leute nicht – wenn es auch dumme Hühner, Hunde ungezogene Goofen und Schafsseckel sind.