Politik | 15.09.2006

„Die Welt gehört allen“

Text von Johannes Bühler | Bilder von Johannes Bühler
«Ich brauche keinen Pass von irgend einem Staat, ich brauche nur einen Reiseausweis«, sagte mir Ali beim Abschied, nachdem ich das Übergangszentrum in Reconvilier besuchte, «ich will nur als freier Mensch auf dieser Welt leben dürfen - mehr brauche ich nicht«.
Wodie' Thierry Stehpen: „Jeder ist frei, dort hinzugehen wo er will und sein Glück zu realisieren.-œ
Bild: Johannes Bühler

In der Schweiz haben wir Visa- und Aufenthaltsbewilligungspflicht für Ausländer. Ohne dieses Gesetz könnte jeder dort leben, wo er will. Die Welt sähe so aus, wie sie heute für einen eingetragenen Schweizer Bürger aussieht: Man reist dorthin, wo es einem gefällt und arbeitet, wo es Arbeit gibt. Doch so ist es nicht für alle. Wer aus einem «benachteiligten« Land kommt, hat kaum die Möglichkeit herumzureisen und zu arbeiten. Nicht, weil er keine Mittel dazu hätte, sondern weil er an Festungen gleichende Grenzen stösst. Wenn es doch gelingt, bis nach Europa oder in die Schweiz zu gelangen, wird man verfolgt, ausgegrenzt und kriminalisiert. Man ist illegal und störend.  

Wir westlichen Länder müssen uns von den Anderen abgrenzen, während uns die ganze Welt zu Füssen liegt. Diese Tatsache zeigt deutlich genug, dass unser Wohlstand nur auf dem Elend der Benachteiligten beruht, die schlicht die Beraubten sind. Sie bilden das Fundament unserer wohlhabenden Gesellschaft. Wenn sie nach oben und zu uns kommen, verlieren wir zwangsweise unseren erstohlenen Reichtum.

Dies wollen wir nicht. Deshalb muss ein Ausgleich unbedingt verhindert werden. Wir sind besser, als die Anderen. Wir haben mehr Recht auf Leben. Deshalb kriminalisieren wir Ausländer immer stärker, die hier leben, und berauben sie gleichzeitig dort immer mehr, wo sie herkommen. Deshalb brodeln unsere Gemüter ob den Folgen, die ein solches Verhalten hervorruft. Deshalb entwerfen wir immer härtere Asyl- und Ausländergesetze.  

Wodie’ Thierry Stehpen ist schliesslich ein Opfer davon – mit einem Wunsch: «Ob in der Schweiz, in Frankreich, Italien, China, Japan oder in den Vereinigten Staaten – in der ganzen Welt: Egal wie unterschiedlich unsere Hautfarbe ist, welche Kultur wir haben, jeder hat die gleiche Chace, jeder ist frei, dort hinzugehen wo er will, jeder ist frei, sein Glück zu versuchen, jeder ist frei, zu denken was er will – es gibt keine Grenzen und keine Absperrungen. Jeder ist frei, sein Glück zu realisieren. Die Welt gehört jedem. Wir müssen aufhören, bloss zu sagen, ich bin Schweizer, ich bin Guineer, ich bin Japaner, denn jeder hat ein eigenes Verständnis von sich und dem Ort, wo er leben will. Das ist ein offenes Land.«