Kultur | 04.09.2006

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Text von Andreas Renggli
Mit 16'990 Kunstschaffenden kürt sich The Edinburgh Festival Fringe selber zum weltweit grössten Kulturfestival. Wer da nicht vor leeren Plätzen spielen will, muss einen beträchtlichen Aufwand betreiben. Ein wahrer Kampf um die höchste Aufmerksamkeit.
Riesige Plakatsäulen zieren während des Festivals die Altstadt Edinburghs. Fotos: Andreas Renggli Das Festival verwandelt die Strassen in ein Menschenmeer. Verwirrung soll für die nötige Aufmerksamkeit sorgen.

Die nackten Zahlen des Festivals klingen beeindruckend: 23 Tage mit 1’867 Shows in 261 Lokalitäten und 1’338’550 verkauften Tickets. Das Programm ist gut 250 Seiten dick, ein Überblick ist schlichtweg unmöglich. Die Veranstalter haben ausgerechnet, dass es fünf Jahre, elf Monate und 16 Tage dauern würde, möchte man alle Vorführungen an einem Stück sehen. Da das Festival seit 1947 jährlich stattfindet, also mehr als eine Lebensaufgabe.

Die grosse Auswahl wird allerdings nicht nur fürs Publikum zur Qual. Auch die Künstlerinnen und Künstler zerbrechen sich den Kopf: Wie lässt sich die Menschenmenge vor die eigene Bühne locken? Die Spirale der Aufmerksamkeit dreht bei soviel Kunstkonkurrenz besonders schnell. Wer magere Flyer verteilt, kann sie später nur wenige Meter hinter sich ungelesen wieder vom Boden aufheben. Das Interesse des Publikums gibt es nur mit exklusivem Auftritt in den Strassen von Edinburgh zu gewinnen: effektvolle Kostüme, riesige Tafeln, eine laute Stimme oder gleich eine kurze Darbietung als Vorschau. Manche locken gar mit einer Geld-zurück-Garantie.

Ernüchternd ist bei diesem Kulturkampf einzig, dass selbst die besten Tricks schlussendlich da landen, wo auch der ganze Rest schon wartet: Bei der städtischen Müllabfuhr.

Tink.ch hat Werbetrommlerinnen und Lockvögel aufgespürt und fotografisch festgehalten. Wer das Spektakel übrigens selber erleben will: Das nächste Fringe findet vom 5. bis 27. August 2007 statt.

Links