Gesellschaft | 07.08.2006

Wieso nicht einfach mitspritzen?

Ich bin gedopt. Oder war es zumindest. Gestern auf meiner kleinen Radspritztour, auf der ich Traubenzucker en masse verschlang. Habe ich ein schlechtes Gewissen? Bestimmt nicht. Und meine professionellen, leicht schnelleren Pendants sicherlich auch nicht. Wieso auch?

Der Radsport steckt wieder mal in einem Dopingsumpf, da wo er schon lange steckt. Nur wurden wir nicht daran erinnert, bis jetzt wieder mal ein paar Fahrer beim Versuch gescheitert sind, sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zu ziehen. Nach sieben Jahren Schirmherrschaft durch Lance Armstrong – der mit seiner Dominanz sozusagen ein Schutzschild um die anderen Fahrer spannte und alle Dopingattacken gleich selbst einsteckte (quasi als Attachement zu den Tour-Siegen) – erlebt der Festina-Skandal von 1998 eine Renaissance. 

Bei dem riesigen Aufruhr an der diesjährigen Tour de France und den drastischen Forderungen von so genannten Experten ging ein mögliches Szenario im Kampf gegen den Dopingmissbrauch aber verloren: Die Legalisierung nämlich. Die Legalisierung von Doping.

Holen wir mal ein bisschen weiter aus: Wieso ist Doping eigentlich verboten? Naja, wohl weil es unfair ist und man sich somit einen unrechtmässigen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschafft. Um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen, gibt es grundsätzlich zwei Lösungsmöglichkeiten:

A: Das resolute Vorgehen gegen Dopingsünder, oder aber

B: Die Öffnung und Freigabe jeglicher Dopingmittel.

Da Option A bis jetzt zweifelsohne nicht funktioniert hat – da das Einnehmen von leistungssteigernden Substanzen wohl einfach zum Mythos Radsport gehört und nicht wegzuspülen ist – sollte man ernsthaft Version B ins Auge fassen. Die angestrebte Formel bleibt erhalten: Gleiche Bedingungen für alle. Ist Doping erstmal legal, haben alle Sportler dieselben Voraussetzungen. Mehr noch: Das ewige Vertusch- und Versteckspiel um eine offensichtliche Tatsache hat ein Ende und der Sieger eines Rennens steht für einmal bereits nach der Zieleinfahrt fest und nicht erst drei Wochen später, nach der Ankunft der Körpersaftauswertung.

Weiter könnte man endlich öffentlich über die verschiedenen Substanzen und ihre Auswirkungen diskutieren und somit auch die Gesundheit der Fahrer fördern. Denn bis anhin arbeiten zwei Wissenschaften gegeneinander: Die Dopingwissenschaft, die versucht, immer wirkungsvollere und schwerer nachweisbare Mittel zu entwickeln und die Wissenschaft der Dopingfander, die genau den gegenteiligen Weg geht und bestrebt ist, die eingesetzten Substanzen zu lokalisieren und herauszufiltern. Würde man die beiden Wissenschaften und ihre Erkenntnisse zusammenführen, könnte man eine effiziente und vor allem offizielle Datenbank mit all den Mitteln und ihren genauen Auswirkungen zusammenstellen. Dann liegt die Entscheidung beim Sportler und das passt ja wunderbar zur Individualitätshüllse, für die unsere Gesellschaft ohnehin pausenlos plädiert.

Das Argument der Gesundheitsschädigung der Fahrer zieht übrigens auch nicht: Erstens konsumieren die Fahrer ja so oder so ihre Säftchen und Spritzen und zweitens müsste man den Ausdauerspitzensport grundsätzlich einstellen, ist man so um den Gesundheitszustand der Sportler besorgt. Also, legalisieren wir das Doping. Der Gewinner wäre für einmal der Radsport.