Kultur | 16.08.2006

Weltmeister der guten Stimmung

Text von Marina Lienhard
Am diesjährigen Solidays-Festival vom 7. bis 9. Juli in Paris gab es keine Verlierer. Ob friedliches Hängen auf der Wiese zu heissen Reggaebeats oder heftiges Abrocken zur E-Gitarre: Beim exzellent organisierten Openair herrschte Bombenstimmung - nicht zuletzt wegen der WM.
Sergent Garcia am Solidays. Fotos: Robert Gil The Hushhuppies: Die moderne französische Version der Beatles. Seeed liessen die Massen vibrieren. Fotos: Julien Fabre Im Herzen von Paris herrschte ausgezeichnete Stimmung. Das Solidays-Festival zog rund 100 000 Menschen an.

Es gibt wohl keine angenehmere und effizientere Art und Weise auf Aids aufmerksam zu machen, als ein riesiges Festival im Herzen von Paris mit vier Bühnen, 100’000 Zuschauern und grossen Bands wie den Dandy Warhols, Saïan Supa Crew und Asian Dub Foundation.

Für uns- zwei unterbezahlte Praktikantinnen,  eine angehende Theatertherapiestudentin und ein frisch diplomierter Handelsmittelschüler aus Zürich- jedenfalls Grund genug für das WM-Final Wochenende nach Paris zu fahren. Die lange Warteschlange in die man sich einfügen muss, um zum Campingplatz zu gelangen stösst nicht gerade auf Begeisterungsausbrüche unsererseits, zumal jeder einzelne Festivalbesucher auf Alkohol und Glasflaschen durchsucht wird, bevor man ihm Einlass gewährt.

Diese erste Verärgerung legt sich aber sobald wir das Festivalgelände betreten. Der super organisierte Campingplatz (in Alleen eingeteilt und durchnummeriert) erspart die mühsame Suche nach einer ebenen, noch nicht besetzten Grasfläche und freiwillige Helfer, die sogenannten «Bénévoles«, sind sich auch nicht zu Schade uns beim Zeltaufstellen zu helfen. Dafür, dass wir We Are Scientists verpasst haben, entschädigt uns Asian Dub Foundation, welche besonders bei der Zugabe «Fortress Europe« das Publikum, trotz Regenwetter, so richtig ins Schwitzen bringt.

Wer nach dieser Anstrengung nicht nur musikalischen Hunger verspürt, kann ihn an einem Dutzend Stände mit ofenfrischer Pizza, Crêpes, bis hin zu mexikanischen Fajitas mühelos bekämpfen. Die gute Stimmung hält auch beim Schlafengehen an, als auf dem Campingplatz diverse Gruppierungen beginnen Fussballlieder im Kanon zu singen, während andere selbst zur Tat schreiten und in den Ball treten und wieder andere «Patrice«- Songs auf ihrer Gitarre klimpern.

Das beste Rezept gegen Morgenmuffel ist gratis Kaffe und Kuchen, dazu Campingradio und die Rückkehr des Sommers. Mit dieser Stärkung ist es auch kein Problem in freudiger Erregung und an vorderster Front auf Seeed, unseren persönlichen Favoriten zu warten. Wie erwartet lösen die in Frankreich zuvor noch unbekannten «singenden Caballeros« mit ihren «bombigen Beats« innert Sekunden Hysterie aus und lassen mit ihrem Remix von «Tight Pants« zum «Tainted Love«- Riddim die Massen vibrieren. Nicht nur Seeed begeistert: The Dandy Warhols bringen mit dem Gute Laune Song «Bohemian Like You« auch die coolen Rockertypen zum Schmelzen und der Main Act aus Paris, Saïan Supa Crew versteht es ca. 50’000 Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in die Knie zu zwingen, ohne dabei mit Kritik an der französischen Politik und Lob an die «aus afrikanischen Immigranten bestehende« französische Nati zu sparen.  

Auch vor dem Sonntag macht die «Ambiance« nicht Halt. Mehr noch, als die anderen Tage, ist dieser mit einem «Woodstock« Feeling behaftet, was einerseits durch Bands wie The Hushpuppies, einer modernen und französischen Beatles Version ; Maceo Parker, dem Godfather des Funk; oder Toots And The Maytals, welche sich mit ihrem souligen Roots-Reggae in die Herzen der gesamten Pferderennbahn spielt – andererseits wohl durch gewisse hippiemässige Kleidungsweise einiger Festivalbesucher hervorgerufen wird. Nach einer Einstimmung von Sergeant Garcia und der momentan in Paris superhippen Rapperin Diams gilt die Aufmerksamkeit den verschiedenen Grossleinwänden, auf welchen der WM-Final übertragen wird.

100’000 Menschen sitzen auf der Wiese und hoffen. Zum Glück fährt unser Nachtzug und wir sind nicht dabei, als sich die Rennbahn in ein Tränenmeer verwandelt. Die schlechte Laune der Kontrolleuse hat uns gereicht. Trotzdem merci les bleus für ein unvergessliches Wochenende, ihr wisst echt wie man Party macht!

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