Kultur | 28.08.2006

“Was ist euch das Festival Wert?”

Text von Janosch Szabo
Christine Wyss organisiert mit viel Herzblut und zusammen mit ihrer Schwester Lisette das Buskers Bern. Im Interview spricht die 37-jährige Bernerin Klartext, nimmt Stellung zu kritischen Fragen und erklärt, warum ein Off-Festival nicht in Frage kommt.
Christine Wyss ist ausgebildete Kulturmanagerin und organisiert seit drei Jahren das Strassenmusikfestival Buskers Bern. Fotos: Christian Wyler

Tink.ch: Warum hat es Ihnen gerade die Strassenmusik angetan?

Christine Wyss: Strassenmusik ist eine niederschwellige Kulturvermittlung. Die Künstler kommen zum Publikum. Ihre Darbietungen sind sehr authentisch, denn verstecken können sie auf der Gasse nicht viel, sie ist ein hartes Pflaster.

Mir gefällt diese Volksnähe. Ich bin kein Fan von Sein und Schein, von so einem Zirkus für Millionen von Franken, wie er um die Rolling Stones gemacht wird.

 

Was gibt Ihnen denn die Energie Jahr für Jahr das Buskers Bern zu organisieren?

Es sind vor allem die drei Festivaltage selber. Wenn die Künstler ankommen, ist das ein Highlight, und dann die Begegnungen und die vielen Leute, die Freude haben. Es kommt sehr viel Positives zurück.

Zudem organisiere ich gern. Im Gegensatz zu meiner Schwester Lisette bin ich nicht Künstlerin und verkörpere darum im OK eher die Vertreterin des unvoreingenommenen Publikums.

 

Es fällt auf, dass immer mehr Gruppen am Buskers mit Verstärkern auftreten. Eine kritische Entwicklung?

Das ist nicht nur an unserem Festival so. Klar, wir wollen in Sachen Technik so tief wie möglich fahren, aber verschliessen können wir uns ihr nicht. Es gibt Sachen, die man ohne Strom nicht machen kann. Also stellen wir sicher, dass jeder Platz einen Stromanschluss hat. Ihr Zeug müssen die Künstler aber selber transportieren. Sie müssen flexibel sein.

 

Sollte Strassenmusik nicht so daherkommen, wie sie Nina Dimitri zelebriert?

Leider hat nicht jeder so eine Stimme, wie Nina.

 

Es gibt Kritiker, die sagen, das Buskers Bern sei zu wenig offen für spontane Aufführungen, die doch eigentlich eine Charakteristik der Strassenmusik sind?

Ich fände mehr Offenheit ja auch schön, aber es ist nicht machbar. Das zeigen die Erfahrungen in anderen Städten, am Buskers-Festival in Ferrara in Italien zum Beispiel. Da gibt es 20 programmierte Gruppen und 150 Off-Gruppen. Das ist der Horror. Wenn wir das hier machen würden, gäbe es ein riesiges Chaos, die Qualität wäre nicht gesichert, da jeder daherkommen könnte, und wir hätten Probleme mit Polizei und Anwohnern. Deshalb gilt bei uns: Weniger ist mehr. Und wenn jetzt einer spontan daher kommt und etwas Gutes zu bieten hat, dann gibt es schon Möglichkeiten.

 

Immer wieder geht’s bei einem solchen Anlass ums Geld. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin sehr streng und drücke oft auf den Sparhahn. Ich habe die Budgethoheit. Ich will, dass es aufgeht, dass ich mich nicht verschulde. Während dem Festival arbeiten wir alle gratis, aber jenen, die Verantwortungen tragen und auch vor und nach dem Festival arbeiten, möchte ich etwas zahlen. Denn du kannst ihnen 100 Mal «merci« sagen, aber leben müssen sie ja auch. Ich will nicht, dass uns diese professionellen Mitarbeiter davonlaufen. Darum schauen wir jetzt mit der Stadt, ob sie uns noch stärker unterstützen können. Ansonsten setzen wir auf den Verkauf der Festivalbändeli…

 

…deren Kauf von der Besucherseite aus gesehen, im Grunde freiwillig ist.

Ja, aber Leute, die keines haben, werden hoffentlich zehn Mal von den Verkäuferinnen und Verkäufern darauf angesprochen. Es braucht viel Überzeugungsarbeit, denn die Konsumhaltung ist gross und viele überlegen sich gar nicht, was so ein Festival alles zu tun gibt und was es kostet.

Der Grund, dass die Leute kein Bändeli kaufen, ist meist nicht Verweigerung, sondern Unwissenheit.

Wenn Leute sagen, die Festivalbändeli seien teuer, dann verstehe ich das nicht, denn einen Kinoeintritt zahlt auch jeder anstandslos. Und ich frage zurück: Was ist euch das Festival Wert? Was wir machen, ist echte Kulturvermittlung. Die Künstler sind ohne uns nicht da.

Und natürlich: Wer wirklich kein Geld hat, kann auch so kommen.

 

Was bekommen Sie jeweils selber vom Festival mit?

Eine ganze Show kann ich praktisch nie sehen, aber halt einfach Ausschnitte. Ich nehme mir pro Tag eine Stunde dafür Zeit.

 

Was ist der anspruchsvollste Punkt bei der Organisation des Festivals?

Der Rasterplan, der aufzeigt wer wann wo und wie lange auftritt. Da arbeiten wir Nächte lang dran, bis alles aufgeht. Alle Wünsche zu berücksichtigen ist heavy.

Aber auch die 150 Helferinnen und Helfer zu koordinieren, ist nicht ohne. Es gibt darunter sehr tolle, aber eben auch vereinzelt mühsame.

 

Warum braucht es auch nächsten Sommer in Bern wieder ein Strassenmusikfestival?

Weil ich mir sonst überlegen muss, auf was anderes ich mich im August freuen soll. Aber auf das nächste Buskers freuen sich auch schon viele andere Leute. Das Herzblut, es zu organisieren, ist bei mir noch da.

 

Wird das Festival weiter wachsen?

Nein. Logistisch ist das kaum möglich und ich habe auch kein Interesse daran. Die jetzige Grösse ist gerade richtig, vom Platz her jedenfalls, eine zeitliche Ausdehnung könnte man sich überlegen. Auf jeden Fall wird es wieder etwas Neues geben. Für nächstes Jahr schwebt uns eine so genannte Kunstgasse vor, wo die Künstler ihr Atelier auf die Strasse stellen.

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