Kultur | 13.08.2006

Sensationell schön, sensationell schwarz

Text von Lena Tichy
Mit «Die Herbstzeitlosen« von Bettina Oberli und «Mon frère se marie« von Jean-Stéphane Bron waren dieses Jahr gleich zwei neue Schweizer Filme auf der Piazza Grande zu sehen. Beide waren gut genug, um sich vom restlichen Programm abzuheben.
Faszination Film auf der Piazza Grande in Locarno. Fotos: Pedrazzini Hauptdarstellerin und Regisseurin: Stephanie Glaser spielt ihre Rolle in Bettina Oberlis Film "Die Herbstzeitlosen" hervorragend. Jean-Stéphane Bron: Regisseur des Films "Mon frère se marie", der in Locarno Weltpremiere hatte. Hier genügt ein Blick, um zu erkennen, dass der Schein trügt: Die Schauspieler von "Mon frère se marie".

Gegensätze, die zu unserem Land passen: Zu Beginn des Filmfestivals in Locarno ein Feelgood-Movie aus dem Emmental und letzten Mittwoch eine Familientragödie zum Totlachen. Das einzige Bindeglied zwischen diesen beiden Geschichten ist die Schweiz. Hier wurden diese beiden Filme geschrieben, gedreht und produziert.

Aber um Klarheit zu schaffen: Beim Feelgood-Movie handelt es sich um den neuen Kinofilm “Die Herbstzeitlosen” der gebürtigen Emmentalerin Bettina Oberli. Oberflächlich betrachtet eine Geschichte über eine ältere Frau im emmentalerischen Dörfchen Trub, welche nach dem Tod ihres Mannes endlich einen lang gehegten Lebenstraum wahr macht und im Dorf ihre eigene Lingerie-Boutique eröffnet. Selbstverständlich zum Trotz aller Freundinnen und Bekannten. Doch hinter dieser schnell erzählten Story steckt laut der Regisseurin noch etwas Weiteres: “Die Herbstzeitlosen” ist eine Hommage an die grosse Schweizer Schauspielerin Stephanie Glaser, welche die Hauptfigur Martha verkörpert. Und nicht zuletzt ist dieser Film allen Frauen gewidmet, die sich auch im Herbst ihres Lebens nicht scheuen, noch einmal den Frühling zu spüren.

Gespieltes Familienglück

Der zweite Film, die lustige Familientragödie, stammt vom “Mais im Bundeshuus”-Regisseur Jean-Stéphane Bron. “Lustig” ist hier vielleicht das falsche Wort, denn “Mon frère se marie” überrascht mit einer Art von Humor, die hierzulande derart unüblich ist, dass allein das eine kleine Sensation darstellt: Gelacht wird nämlich schwarz. Und oft genug bleibt einem sogar dieses Lachen im Hals stecken.

Brons Film beginnt an dem Tag, an dem der 20-jährige Vinh seiner längst nicht mehr intakten Familie eröffnet, dass er heiraten will. Und zwar in drei Tagen. Und dass zu dieser Feier seine leiblichen Eltern aus Vietnam anreisen werden. Weil man in Vietnam keine Scheidung kennt, müssen Mutter und Vater Depierraz noch einmal das glückliche Ehepaar spielen, das sie schon lange nicht mehr sind, und auch die Kinder Jacques und Catherine sind gezwungen, Frohsinn zu heucheln. Die Katastrophen, die sich bei der Hochzeit ereignen, sind dann ebenso oft witzig, wie tragisch, und es gelingt Bron hervorragend, rasant vom einen ins andere Register zu wechseln.

Beide Filme hatten auf der Piazza Grande am diesjährigen Filmfestival Locarno  Weltpremiere, beide wurden gleichermassen mit Applaus überschüttet, beide zu Recht. Und auch wenn weder Bron noch Oberli einen goldenen Leoparden bekamen, freuten sie sich am Samstagabend bestimmt für die Siegerin: Die 32-jährige Zürcherin Andrea Staka erhielt für ihr Werk «Das Fräulein« den grossen Preis der Jury. Diesen Herbst werden alle drei Filme in den Schweizer Kinos anlaufen. Und vielleicht sogar darüber hinaus.

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