Kultur | 16.08.2006

schockiert und verzaubert

Text von Lena Tichy
Filmfestivals sind immer auch eine Wundertüte für den, der sie besucht. Was den Zuschauern dieses Jahr in Locarno geboten wurde, war selten enttäuschend und ging oft unter die Haut.
Die schönste Massenbewegung des Sommers.

Für ein kleines Land wie die Schweiz ist das internationale Filmfestival Locarno eine ziemlich grosse Sache. Frédéric Maire, welcher dieses Jahr die Nachfolge von Irene Bignardi antrat, um das Festival künstlerisch zu leiten, versprach Vieles. Und eröffnete das Festival mit einem Film von Michael Mann: Miami Vice. Das Publikum war sichtlich enttäuscht ob so viel platter Action und hegte doch die Hoffnung, dass es nur ein Fauxpas gewesen sei. Zu Recht: Das diesjährige Programm war eine ganze Menge, aber es als platt zu bezeichnen würde ihm nicht gerecht werden. «Das Leben der Anderen« , welcher auf der Piazza Grande gezeigt wurde, gehört ohne Zweifel zu den besten deutschen Filmen der letzten Jahre. Das Regiedebüt von Florian-Henckel von Donnersmarck ist eine vielschichtige und präzise Beschreibung vom Leben in der DDR, ihrer Kultur und ihrem Überwachungsapparat. Pflichtstoff, möchte man fast sagen.

Ist das gut?

Nicht zu vergessen «Das Fräulein« von Andrea Staka, ein sensibles Porträt von Frauen aus Ex-Jugoslawien, nicht ohne Leichtigkeit und nicht ohne Humor. Es brachte der Regisseurin den goldenen Leoparden ein. Zartbesaitet durfte das Publikum in Locarno heuer allerdings nicht sein: Viele Filme zeigten Menschen in emotionalen Extremsituationen und bis auf wenige Ausnahmen gingen die Geschichten tief unter die Haut. Ob das gut war, musste jeder Zuschauer für sich selbst beantworten. 190 000 Besucher haben sich dieses Jahr dafür entschieden, sich von der grössten Kulturveranstaltung der Schweiz schockieren, verzaubern und überraschen zu lassen. Falls Frédéric Maire nicht allzu viel falsch gemacht hat, werden sie nächstes Jahr wiederkommen.