Kultur | 22.08.2006

Rock around the clock

Text von Janosch Szabo
Die Festivalfans strömten ins Oberwallis, wie noch nie zuvor. So wurde an der 21. Austragung des Openair Gampel erstmals die Grenze von 80 000 Besucherinnen und Besuchern geknackt. Der Rock wurde in allen Variationen serviert.
Danko Jones liess in Gampel ein Rock-Gewitter krachen. Fotos: Sandro La Marca Und sein Bassist zeigte vor, was Headbangig ist. Alexander Dobranos: Der Frontmann von Franz Ferdinand. Tausende feierten und tanzten bei schönstem Wetter. Das Crowd Surfing gefiel auch den Musikern. Hier einer von The BossHoss. Patrice gebot mit etwas zarteren Reggaetönen dem Rock für einen Moment Einhalt. Schlange stehen für Knete, Kröten und Moneten.

Ein Steinbock links und einer rechts: Felsenfest stand die Hauptbühne des Openair Gampel auf dem Walliser Talboden und hielt auch dem krachendsten Rock-Gewitter stand. Das lieferte zweifellos die Punk-Formation Pennywise mit donnernden Bässen, schmetternden Gitarren und viel Geschrei. Den zahlreichen Punkfans gefiel es. Der Wortschatz der vier Kalifornier allerdings stimmte nachdenklich, bestand er doch grösstenteils aus «fuck«.

Weit weniger plump waren die Sprüche von Danko Jones. Er setze bewusst auf wilde Sau und geizte nicht mit Arroganz. «Are the headbangers here tonight?«, fragte er und erhielt eine klare Antwort. Daraufhin erklärte kurzerhand die Bockbühne zur Hauptbühne. «When I say yeah, you say yeah. And do it loud«, verlangte er. Das Zelt kochte und die Kanadier schleuderten rhythmisch sehr präzise Beats und knallharte Gitarrenriffs durch die Boxen.

Gigantische Muse-Show

Gampel bot Rock in allen Variationen, von megahart bis melodiös, von sphärisch bis pompös. Letzteres trifft besonders auf Muse zu, den diesjährigen Hauptact schlechthin. Das britische Trio begeisterte Freitagnacht Zehntausende mit einer gigantischen Lichtshow, mit sphärischem, zeitweise total abgedrehtem und gekonnt elektronisch ergänztem Rock. Ähnliche Begeisterungsstürme lösten tags darauf die Samstagsheadliner Franz Ferdinand aus. Zwar regnete es zeitweise heftig, doch das störte kaum jemanden. Leadsänger Alex Kapranos jedenfalls zog mit seinen Jungs in typisch britischer Schlichtheit ein musikalisch hervorragendes Programm durch, ohne sich dabei gross in Pose zu legen.  

“D’Venus vo Bümpliz” aus tausenden Kehlen

Dergleichen benötigten auch Patent Ochsner nicht. Sie liessen satten Rock mit Heimatmelodien verschmelzen, überraschten mit einer Vielzahl an openairungewöhnlichen Instrumenten, wie Cello oder Alphorn, und passten schlicht perfekt zum sonnigen Sonntagmittag. Büne Huber und seinen ausgezeichneten Musikerinnen und Musikern gelang ein tolles Konzert. Ihre Lieder mussten sie kaum alleine singen, und als aus tausenden Kehlen «D’Venus vo Bümpliz« erscholl, rieselte es einem schon mal den Rücken runter. Die Stimmung war auf dem Höhepunkt.  

Fetziger Zirkus nach Mitternacht

Zur Auflockerung des äusserst rockigen Programms wurde in Gampel auch anderen Stilen Platz eingeräumt. Dem Reggae zum Beispiel, zelebriert von Patrice und Sonntagfrüh von Fusion Square Garden. Noch fetziger und mit viel Gebläse – den omnipräsenten Gitarren zum Trotz – kamen Babylon Circus daher. Was die zehn lockeren Franzosen am Samstag auf die Bockbühne zauberten, war witzig, frech und frisch, und animierte trotz später Stunde viele zum ausgelassenen Tanz.     

Von Gesöffen und irrenden Trunkenbolden

Wer keine Lust hatte rumzupogen und mit der Menge abzurocken, feierte halt anderweitig durch, zum Beispiel in einer der zahlreichen Bars oder auf dem Zeltplatz. Bier – Openairgetränk Nummer 1 – und sonstige stärkere Gesöffe flossen in Strömen. Überhaupt war das Thema Alkohol allgegenwärtig. So stand beispielsweise auf einem Zelt geschrieben: «Wenn wir sterben, dann besoffen«, oder es wurde einem schon am Morgen vom Nachbarzelt her mit einer Buddel Wein zugeprostet, auch wenn man ein Fläschchen Mineralwasser in der Hand hielt. Die tragische Seite des übermässigen Alk-Konsums zeigte sich hie und da an herumliegenden Trunkenbolden, oder an jenen, die am Ende des Openairs ihre Zelte im Suff blödsinnigerweise kurz und klein schlugen. Amüsant hingegen war der Torkelnde, der früh morgens umherirrte und nach seinem Zelt rief: «Hallo Zäält, huhu«.  

Beliebtes und Unbeliebtes

Beliebt waren bei den Festivalbesuchern: Die aufblasbaren Frisco-Sessel, um darauf gemütlich zu chillen, T-Shirts aller erdenklichen Rockbands oder mit Aufschriften wie «Häxli« oder «Gängschter«, Sonnenbrillen, wegen der Coolness und gegen den herumwirbelnden Sand, sowie Kaffee und Gipfeli am Morgen. Einiges bereitete aber auch Sorgen: Den nach Osten strömenden der fliegende Sand, den Ohrsensiblen die donnernden Beats, den Zeltlagernden der Wind und die besoffenen Spannseilstolperer und den Geldverprassern die lange Schlange beim Postomat.  

Am Ende blieb viel Rock im Ohr und wenig Geld im Portmonnaie, das sich nicht mal im Traum des Heimfahrt-Nickerchens wieder füllte.

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