Sport | 20.08.2006

„Ohne Fairplay kein Vergleich“

Simone Niggli-Luder ist die weltweit erfolgreichste Orientierungsläuferin. An den diesjährigen Titelkämpfen in Dänemark hat sie ihre Position eindrücklich untermauert. Nach den jüngsten Dopingskandalen werden Spitzenleistungen aber immer kritischer hinterfragt. Tink.ch sprach mir ihr über die Dopingproblematik.
Simone Niggli-Luder: "Im OL geht es nicht nur um schnelle Beine, sondern auch um einen klaren Kopf."
Bild: Daniel Käsermann Simone Niggli-Luder jubelt über ihren Sieg im Finallauf in der Langdistanz an den OL-Weltmeisterschaften in Aarhus, Dänemark. PHOTOPRESS/Yoshiko Kusano

Hatten Sie in letzter Zeit negative Erlebnisse mit misstrauischen Medien oder Zuschauern, die ihre Leistung wegen den jüngsten Dopingfällen in Frage stellen?

Nein, ich wurde noch nie konkret verdächtigt, oder meine Leistung in Frage gestellt. Allerdings hat man mich auf die Vorkommnisse angesprochen, zum Beispiel als ich im Sportpanorama zu Gast war. Da wurde ich auch nach meiner Meinung dazu gefragt und ob wir allgemein unter den Spitzenläuferinnen darüber diskutieren.

Haben Sie das Gefühl, dass der Spitzensport nach wie vor differenziert angeschaut wird? Oder gilt jetzt überall der Generalverdacht?

Momentan ist es als Zuschauer sicher sehr schwierig, die Spitzensportler nicht alle in den selben Topf zu werfen. Ich denke aber, dass weiterhin versucht wird, zu differenzieren und dass gute Leistungen nicht sofort mit dem Gedanken des Dopingmissbrauchs kombiniert werden.

Sind die heute geforderten Spitzenleistunge in vielen Sportarten überhaupt ohne Doping zu realisieren?

Ja, ich selbst versuche dies zu zeigen. Glücklicherweise ist im OL das Thema Doping nicht so aktuell wie zum Beispiel im Radsport.

Weil er noch nicht so kommerzialisiert ist?

Dies kann ein Grund von mehreren sein. Im OL ist nicht viel Geld zu gewinnen, da ist die Versuchung sicher kleiner. Ausserdem geht es im OL nicht nur um schnelle Beine, sondern auch um einen klaren Kopf. Den kann man nicht dopen und so ist der Nutzen nicht so gross wie vielleicht in anderen Sportarten.

Verstehen Sie Spitzensportler, die zu Doping greifen? Was ist der Grund für eine so riskante Entscheidung?

Ich kann diesen Entscheid nicht nachvollziehen, da für mich Doping ein unerlaubtes und vor allem auch unfaires Hilfsmittel ist. Diejenigen Personen müssen in einer sehr tiefen psychologischen Krise stecken, dass sie in Versuchung kommen. Nicht zuletzt ist es ja auch ein gesundheitliches Risiko.

Kamen Sie auch schon in die Versuchung Doping zu nehmen?

Nein.

Wie gross ist der Druck, der auf einem lastet im Spitzenport, und wie gehen Sie damit um?

Der Druck ist teilweise schon sehr gross. Ich unterscheide zwei Arten von Druck: der äussere und der innere Druck. Der äussere Druck kommt von den Medien und vom Publikum. Sie erwarten Spitzenleistungen und viele Medaillen. Der innere Druck, der von mir selbst kommt, ist aber beinahe noch entscheidender. Ich erwarte auch viel von mir selbst. Ich versuche, möglichst nur auf mich zu hören und nicht allzu viel auf die Medien und deren Erwartungen. Ich relativiere das Ganze auch und versuche immer mit Freude an den Wettkampf zu gehen.

Dem Sport werden Werte wie Fairplay oder Chancengleichheit auferlegt. Existieren diese wirklich?

Ich glaube daran und hoffe, dass sich dieser Grundsatz bei den Sportlern wieder vertieft. Ohne Fairplay kann man sich nicht vergleichen. Wir müssen akzeptieren, dass wir körperlich unterschiedlich sind. In diesem Sinne ist die Chancengleichheit zwar nicht ganz gegeben, aber es geht darum, das Beste aus seinem eigenen, gesunden Körper zu holen und nicht eine Chancengleichheit durch Doping heraufzubeschwören.

Wo ist ihrer Meinung nach die Quelle der Dopingproblematik?

Das ist schwierig zu beantworten, da viele Faktoren mitspielen. Sicherlich gehören Geld, Ansehen, Prestige und Existenzängste dazu.

Können Sie es nachvollziehen, dass man selber Doping nimmt, weil man vermutet, dass sich gewisse Mitkonkurrenten dopen?

Nein, dies darf kein Grund sein. Schliesslich betreibt man den Sport für sich selbst und man muss auf seine eigene Gesundheit achten sowie die eigenen Prinzipien vertreten.

Sind Sie mit der Medienberichterstattung bezüglich Doping zufrieden?

In manchen Sportarten wird das Thema gross aufgebauscht, in anderen hingegen totgeschwiegen. Ich finde, dass das Thema diskutiert werden muss, damit es auch eine Wirkung zeigen kann. Nur wenn die «Sünder« öffentlich kritisiert werden, gibt es einen Abschreckungseffekt für andere.

Ist die Dopingbekämpfung heute effektiv genug?

Leider ist die Dopingbekämpfung oft noch einen Schritt hintennach mit dem Nachweis der Substanzen. Es wurde aber in der letzten Zeit viel in diesem Bereich gearbeitet. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Und was halten Sie von einer Legalisierung?

Ich bin dagegen. Der Sport soll frei von Doping bleiben.

Wird es denn in Zukunft dopingfreien Spitzensport geben?

Ich hoffe es. Ganz ehrlich glaube ich aber, dass es immer wieder «schwarze Schafe« geben wird.

2003 nahm Simone Niggli-Luder am Projekt «Dopingfreier Spitzensport« teil, wo Sie sich zusätzlich strengen Kontrollen und Messungen unterlegte.

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