Kultur | 15.08.2006

Lebende Strassen

Text von Lailo Sadeghi
Die Sonne scheint wieder. Der Sommer ist zurück. Das bedeutet nicht nur gute Laune und kalte Getränke. Kaum ist die grosse, helle Lebensspenderin wieder zu sehen, floriert das Strassenleben.
Sogenannte Flaschenbläser Angezüchtet von Ausserirdischen? Auf der Suche nach frischer Beute Arbeit für einen wohltätigen Zweck. Prima Gelegenheit Mädchen anzusprechen Extra fein gemacht und fast niemand sieht hin Blues der Strasse Societas Parnassi: Berner haben einfach keinen Stil Reaktionen auf Strassenkunst: Links Skeptis. Mitte Gleichgültigkeit. Rechts Freude

Ein charismatischer junger Mann verteilt mit einem etwas aufdringlichen aber freundlichen «Hallo« seine Flyer. David macht hier Werbung für ein Buch über Dianetik. Er sagt er verbreitet seine Religion. Dies macht er aus Überzeugung. Er möchte den Menschen die Faszination weitergeben, welche er selbst beim Lesen des Bestseller von L. Ron Hubbard erfahren hat. «Von 500 Menschen, welchen ich Flyer gebe, melden sich zirka zehn zurück und wollen mehr über dieses interesannte Thema wissen.

Mystische Weltbilder

Um einen Stand, der mit Fotos von Kornkreisen zugeklebt ist, warten auch schon die Nächsten, die ihr Wissen der Welt weitergeben wollen. Im Zentralen geht es um eine dritte Schöpfungstheorie welche besagt, dass der Mensch weder aus dem Paradies geworfen wurde, noch vom Affen abstammt und aus Höhlen kroch, sondern  von ausserirdischen Lebensformen «angezüchtet« wurde. «Die Reaktionen auf diese Theorie sind sehr unterschiedlich, von Unverständnis, Aggression und Freude gab es schon alles« sagt Helena. Ob die Strasse der richtige Ort ist um den Menschen das Weltbild umzukrempeln bleibt fragwürdig. Aber das ist das schöne wenn man raus geht, man weiss nie was für Menschen man trifft.

Helfen wo man kann

Unter diesen Menschen sind auch sehr oft Vertreter von Hilfsorganisationen mitdabei. Eigentlich nichts spannendes. Es gibt sie für Tier, Mensch und Umwelt. Die Frauen sprechen Männer an und umgekehrt. Es wird ein schlechtes Gewissen erzeugt und mit Hundeblick gearbeitet. Andri zum Beispiel verteilt im Namen von WWF seine Broschüren. Wie er sagt, sind von der Schweizer Bevölkerung 95 Prozent in der Lage, für eine wohltätige Sache Geld zu spenden ohne Einbussen an ihrem eigenen Wohlstand zu haben. Viel Erfolg hat er aber trotzdem nicht. Die Meisten gehen unbeeindruckt weiter. Auch World Vision Botschafter sind auf Achse und jagen nach Jahresmitgliedbeiträge und Spenden. Für Thomas ist dies eine gute Sache. «Die Armen bekommen Geld und ich auch«. Pro Tag verdient er 100 Franken.  

Von Jazz bis Orgelspiel

Wer nur an guten Tagen so viel verdient, sind die Strassenmusiker. An belebten Orten wechseln sich Saxophonistinnen, Flaschenbläser und Handorgelspieler regelmässig ab um den Passanten ein vielfältig interessantes Programm zu bieten. Leider wird ihre Arbeit nicht wirklich gewürdigt, oft werden sie ignoriert und gar nicht beachtet. Oder es wird ihnen abwertend und beiläufig etwas Münz zugeworfen. Nur selten gibt es Applaus. «Die Berner sind ein schlechtes Publikum« meint die junge Strassenmusikgruppe Societas Parnassi «Die haben einfach keinen Stil. Wir spielen nur hier weil wir es uns nicht leisten können nach Berlin zu gehen« Die drei Studenten tun dies des Spasses wegen. Übrigens suchen sie noch Mitglieder.

Konsumkunst

Wer vom Betty Bossi genug hat, kauft sein Essen am Besten auf dem Markt. Hier gibt es aber nicht nur Gemüse, Fisch und Früchte. Das Angebot ist grösser. Kleider, Tücher, Buttons, Gewürze, Tee, Hüte und noch viel mehr Produkte werden von den verschieden Marktfahrern an ihren kleinen Ständen angeboten. Hier wird gefeilscht, degustiert und gehandelt. «Wir produzieren fast alles selber« verkündet Tobias stolz. Er verkauft Gewürze und Tee. Sonst arbeitet er in einem kleinen Bioladen. Auch die kamerascheue Rosemarie ist mit der Stadt zufrieden. «Die Menschen sind super und das Geschäft läuft gut.« Ihr Stand führt bunte Tücher, Ohrringe und Räucherstäbchen.

Gedankensport

Eine weitere beliebte Berner Adresse ist das grosse Schachbrett vor dem Bundeshaus. Hier messen sich Jung und Alt in der Schachkunst. Es wird gegessen, geraucht und diskutiert. «Die Guten, spielen, die Schwachen schauen zu. Ich selbst habe früher auch gut gespielt, doch diese Zeiten sind vorbei.« So Markus, ein älterer Herr, der hier seinen Milchkaffee geniest.

Ordnung und Recht

Bei einer solchen Menschenmasse wie sie in Bern anzutreffen ist, dürfen natürlich unsere Freunde und Helfer nicht fehlen. In Zweiertrupps patrouillieren sie durch die Strassen und mischen schlafende Penner und sonstige Störenfriede auf. Herr Kunz meint «Bern hat zwar ihre Probleme, wie alle anderen Städte, doch insgesamt gefällt es mir hier.”

Und diese Meinung teile ich mit ihm, voll und ganz.