Kultur | 23.08.2006

Lachen als Waffe

Text von Anina Peter
Terror, Religionskämpfe, Selbstmordattentäter: Schlagworte, die in den letzten Jahren vermehrt in unserem Alltag auftauchten. Der Film "Promised Paradise" versucht die Gedanken eines Terroristen zu verstehen und dem Thema auf den Grund zu gehen.
Agus Nur Amal, ein pfiffiger Puppenspieler. "Wieso sagen wir Fuck Terrorists? Fuck heisst Liebe machen, und somit ein Baby. Mit dieser Einstellung werden solche Sachen immer und immer wiederkehren."

Zum allerersten Mal finden im Rahmen des Theaterspektakels auch Filmvorführungen statt. Die einzige Voraussetzung ist, dass Theater und seine verschiedenen Ausdrucksformen trotzdem nicht ganz verloren gehen. Gezeigt werden drei aktuelle Filme aus Asien, die für ein wichtiges Näherkommen zum internationalen Verständnis, zur Versöhnung und Errinnerung beitragen. Alle Regisseure und Akteure haben ihre Heimat in Ländern, in denen Kolonialgewalt, Militärdiktatur und Terrorregime an der Tagesordnung standen und immer noch den Alltag prägen. Die Filmschaffenden sind überzeugt, dass diese Gewalt mit Kultur überwunden werden kann. Mit “Promised Paradise”, dem ersten Film des Programmpunktes, konnten einige schweizerische Vorurteile abgebaut und das Publikum zum Nachdenken gebracht werden.  

Der singende Puppenspieler

Agus Nur Amal, von Beruf Puppenspieler, führt durch Leonar Retel Helmrichs Film “Promised Paradise”. Für ihn ist es unverständlich wie jemand zum Terrorist werden kann, Tausende in den Tod reisst und stolz auf seine Tat ist. Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, streift er singend wie ein Muezzin durch seine Heimatstadt Jakarta und Balis Vergnügungsviertel. Er spricht mit Ausländern, verblüfft Touristen, die minderjährige, indonesische Mädchen mit ins Hotel nehmen. Sogar muslimische Botschafter bringt er ins Stocken mit seinen direkten, offenen Fragen. Sein Ziel ist es, nicht nur zu verstehen, wie es zu einem Terrorakt kommt, sondern auch etwas dagegen zu unternehmen. Agus packt das Problem bei der Wurzel und richtet sich an die Kinder. Mit Aufklärungs- und Präventionstheater begeistert er die Kleinen und reisst mit ihrem Lachen Kultur- und Religionsgrenzen nieder. Auch die Geburtsstätten vieler Jihad-Ideen  sucht er auf – die Koranschulen. Zusammen mit den Schülern spielt er biblische Szenen nach, fördert die Akzeptanz aller Glaubensrichtungen und unterwandert so fundamentalistisches Gedankengut.  

Bali im Bombenhagel

Seit 2002 wird Bali jährlich von Bombenanschlägen heimgesucht. Bomben in den touristischen Vergnügungsmeilen, vor dem amerikanischen und australischen Konsulat, dem Mariott Hotel und schliesslich letzten Oktober die neuste Bombenserie in den Städten Kuta und Jimbaran. Die Konsequenzen sind Angst und Schrecken unter der Bevölkerung und den Besuchern, mehrere hundert Tote und ständig neue Anhänger fundamentalistischer Gruppierungen. Einige Indonesier, die sich an den Anschlägen beteiligt hatten, wurden verhaftet und zu Tode verurteilt. Unter ihnen auch Imam Samudra, überzeugter Muslim, Gelehrter, Vater von zwei Kindern und Drahtzieher bei mehreren der indonesischen Attentate. Amal versucht diesen im Gefängnis einen Besuch abzustatten und so Antworten auf seine vielen Fragen zu bekommen. Vergeblich, die Behörden wimmeln ihn immer wieder ab. Antworten findet er trotzdem. Vor dem Gefängnis herrscht lebendiges Markttreiben, Promotionsfilme und Bücher Imam Samudras und dessen Gruppe werden direkt vor den Toren der Haftanstalt an den Mann gebracht. Auch Agus greift zu. 

Wie Kopernikus und Kolumbus

Da dem Puppenspieler ein persönliches Interview versagt wurde, stellt er ganz einfach eines nach. Ein Zwiegespräch mit der Samudra-DVD, gewährt dem Zuschauer Einblicke in das Denken des Täters. Überzeugt von seiner Tat, zitiert Samudra Koranauszüge, erklärt die Gesellschaft für unreif, da sie den Wert seiner Tat noch nicht erkannt hat. Er ist überzeugt, dass ihm Zeit und so auch die Menschheit irgendwann Recht und Ruhm geben werden. Schliesslich habe man auch Kopernikus und Kolumbus anfangs ausgelacht und verschrien, heute sind ihre Theorien und Entdeckungen anerkannt und bestätigt. Amal kontert die zitierten biblischen Szenen mit anderen, die Juden, Christen und Moslems vereinigt zeigen und zu Frieden aufrufen. Nur leider hört dies sein TV-Gesprächspartner nicht.  

Um die Attentäter zu verstehen, sucht Agus sogar einen paranormalen Berater auf, der ihm dabei helfen soll. Ganz glückt das Experiment nicht, doch beide beten für eine bessere Welt und den richtigen Pfad für die Menschheit. Zurück in seinem Puppentheater, die Vorstellung randvoll mit Kindern und Müttern, lachend, klatschend, begeistert: Amal führt ihnen eine tanzende Bin Laden-Puppe vor, hat einen heftigen Streit mit dem bärtigen Männchen: «Du sagst du bist ein Moslem?! Du tötest so viele Menschen und dies im Namen unserer Religion, sagst du?! Nein! Du bist kein Moslem! Ein schlechter Mensch ist kein Moslem!«

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