Kultur | 16.08.2006

“It’s not just sitting in the sunshine”

Text von Martin Sigrist
Die Editors zeigen mit ihrem Debut "Back Room", dass sie nicht eine weitere beliebige britische Hypeband sind. Bei ihrem hervorragenden Auftritt auf dem Melt bewiesen sie, dass sie auch Livequalitäten aus England mitbringen. Tink.ch traf Chris Urbanowicz und Ed Lay vor ihrem Konzert am 14. Juli zum Interview.
Martin Sigrist, Ed Lay, Chris Urbanowicz (von links)

Wie geht es euch?

Chris: Ganz in Ordnung, wir sind erst heute Morgen angekommen und waren nun den ganzen Morgen am Fluss fischen. Es fühlt sich gar nicht so an, als würden wir heute arbeiten.

Ed: Das ist wohl das beeindruckenste Festival, das ich je gesehen habe. All diese riesengrossen Kräne im Hintergrund. Das wird wohl ein gutes Konzert heute.

Gestern wart ihr am Gurtenfestival in der Schweiz. Wie ist es euch da gelaufen?

Chris: Wir haben okay gespielt. Ich glaube unser Set war eine Stunde und 15 Minuten. Aber wir haben nicht so lange gespielt, ich glaube es war etwas lahm. Bei vielen Festivals in Europa sollen Bands so lange spielen, gerade Bands wie die unsere, mit nur einem Album. Das langweilt die Leute dann vielleicht mal. Und es war in der Schweiz auch richtig heiss. Irgendwie war es nicht so die richtige Voraussetzung für uns. Aber es war ein schöner Tag und eine tolle Aussicht, da zwischen den Bergen mit dem Blick auf Bern. Sehr schön.

Gibt es einen Unterschied zwischen den verschiedenen Publika in den verschiedenen Ländern?

Ed: Ganz bestimmt. Zum Beispiel gestern mit den Schweizern, die waren sehr stoisch, die haben sich nicht so sehr bewegt. Aber ich glaube, das war auch wegen der Hitze. Und auf dem Festival spielten sonst James Blunts und Jamie Cullums, also eher entspannte Musik. Aber wir spielten auch auf einem Festival in Lissabon. Sowas habe ich noch nie gesehen. In der Schweiz haben wir so viel Pressearbeit gemacht und ein paar Konzerte gegeben. Aber die Reaktion gestern war etwas zurückhaltend. In Lissabon hingegen haben wir noch nie gespielt, machten nie viel Pressearbeit dort, aber die Leute gingen voll ab. Es scheint einfach eine andere Mentalität zu sein. Es war genau so heiss wie in der Schweiz, aber die Leute waren geladen. Die wollten uns zeigen, wie sehr sie uns mögen. Ja, es variiert von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Hoffentlich wird es heute rocken, normalerweise sind die Konzerte in Deutschland immer sehr gut.

Glaubt ihr, dass man von euch als junge Hypeband etwas anderes erwartet als von Bands, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten auf der Bühne stehen?

Ed: Sind wir hier eine Hypeband?

Ja, sicher.

Chris: Das ist wohl wegen der englischen Presse. Aber nein, da ist kein Druck auf uns. Wenn wir uns die Festivalprogramme anschauen, wo wir spielen, dann kennen wir oft viele Bands nicht und wissen damit nicht so richtig, wo wir da sind. Wir haben auf grossen Festivals in England gespielt, auch in Hype Slots, also sind wir wohl auf einiges vorbereitet.

Es schient,als sei das eine Zeit der Hypeband, mit diesen grossen plötzlichen Erfolgen.

Chris: Unsere Musik ist einfach im Moment sehr populär in England und in den USA. Wenn du dir die Top 40 in Enland anschaust, da sind viele Gitarrenbands wie The Kooks, Arctic Monkeys, Kasabian. Es sind viele Hypebands im Bereich des Rock ‘n’ Roll. Das greift um sich.

Glaubst du, das wird sich lange halten?

Chris: Alles kommt immer in Wellen, also, ich weiss nicht.

Was kommt als nächstes?

Chris: Wohl wieder Pop.

Ed: Ja, gib den Leuten, was sie wollen. (lacht)

Ihr habt euch dafür entschieden, nicht gleich bei einem grossen Label einzusteigen. Wie kam das?

C: Ja, am Anfang waren wir bei Independent Labels. Nun, du hast vorher von dem Hype-Ding gesprochen. In England kann das Bands töten. Wir wollten einen langsamen Aufbau, wir wollten nicht gleich als Support von grossen Bands auf Tour gehen. Wir wollten dass unser Name langsam bekannt wird. Wir wollten einfach touren, ein bisschen im Radio gespielt werden, ein paar Alben hier und dort verkaufen. So haben wir es dann gemacht bis unser Album richtig einschlug. Ein, zwei Monate später haben wir dann bei Sony BMG unterschrieben, das gab uns noch einen weiteren Stoss auf die nächste Stufe. Dann waren wir Vorgruppe von Franz Ferdinand. Und nun machen wir so weiter.

Seht ihr euch explizit als eine Band ohne Rock ‘n’ Roll?

Ed: Ich glaube, live sind wir sehr Rock ‘n’ Roll. Die Energie, die wir einsetzen, das ist schon ziemlich die Art von Rock ‘n’ Roll. Es geht ja nicht um den ganzen Scheiss, den man sonst so damit verbindet. Die grossen Künstlerparties oder zumindest das ganze Getue davon. So sind wir nicht. Es ist natürlich schön, von Zeit zu Zeit mal dabei zu sein und auf eine gute Party zu gehen. Aber eigentlich ist es harte Arbeit eine Band zu sein und herum zu reisen. Das ist nicht nur der ganze Tag Sonnenschein mit Shorts und Sonnenbrille. Zu touren und aufzutreten, jeden Abend, das nimmt einen mit, es kann auch mal ermüdend sein, aber wir versuchen es auf einer professionellen Ebene zu halten, glaube ich.

Chris: In fast jedem Interview kommt diese Frage nach dem Rock ‘n’ Roll. Wir sind von Nottingham, Ipswich etc., nicht von Glasgow, Manchester, London oder Liverpool, wo so solche Bands sonst herkommen. Wir sind nicht bekannt für Drogenkonsum, Alkohol, Arroganz und Bettgeschichten.

Auf eurer Website ist ein Link zu We Are Scientists.

C: Ja, wir haben hier ihre Garderobe geerbt. Und ja, wir sollten diesen Link entfernen. Wir machten sie zu dem, was sie sind in England, zumindest behaupten wir das (lacht). Sie waren unsere Vorgruppe auf deren ersten Tour in England, also wurden ihre Fans unsere und umgekehrt. Wir tourten auch mit ihnen in  Japan. Das war sehr aufregend und schön.

Ihr wurdet hier in Deutschland auch mal von Sometree begleitet.

Ed: Ja, ich glaube zwei Konzerte waren das. Die waren sehr gut, eigentlich eine der besten Vorgruppen auf unserer Tour in Europa.

Wenn über Editors gesprochen wird, wird zwangsläufig immer Joy Division genannt.

Chris: Wir sind nicht von ihnen beeinflusst, wir hören sie auch nicht, aber wir sehen Ähnlichkeiten. Die Fakten, die tiefe Stimme, die düsteren Untertöne und all die Sachen. Ich glaube das ist der Grund.

Ich habe zuerst an Madrugada gedacht.

Chris: Ja, diese schwedische Band? Nein, norwegisch, auf jeden Fall skandinavisch. Wir würden uns freuen, mal mit denen zu touren, irgendwann. Ich mag die sehr, aber es ist bis jetzt noch nie passiert. Ich weiss auch nicht so viel über sie, aber ich habe ein paar Alben bekommen.

Was tut ihr, wenn ihr merkt, dass die Leute eure Texte nicht verstehen, wenn ihr im Ausland spielt?

Ee: Das stört mich nicht.

Chris: Ja, ich bin der Gitarrist, also ist es mir egal, aber es ist lustig. In Japan werden unsere Alben mit einem anderen Booklet verkauft. Darin sind die Texte in Englisch und Japanisch. Trotz des grossen Sprachunterschieds wissen die Japaner so, worum es in unseren Songs geht. Es ist aber auch in Europa lustig, die Leute singen zwar den Text mit, aber falsch. Ach, Texte sind so zweideutig.

Was macht euch kreativ?

Ed: Nicht auf Tour sein. Wir können nicht schreiben, wenn wir touren, das geht nicht, auch nicht im Backstage. Da sind wir immer um die gleichen Leute rum, das ist nicht sehr inspirierend, immer das gleiche im Leben. Aber wenn wir mal pausieren, wie über Weihnachten zweieinhalb Wochen, da bekamen wir es hin und haben ein paar ziemlich geile Songs geschrieben. Wir brauchen wohl den Moment weg vom normalen Touren um kreativ zu sein, was leider momentan sehr selten ist.

Wenn ihr euch jetzt eine Frage wünschen könntet, welche würde die sein?

Chris: Ist es in Ordnung, wenn ich dich auf einen Drink einlade? Das wurde ich noch nie gefragt.

Du bist nicht der Erste, der sich diese Frage wünscht.

Chris: Scheisse, wir sind so unoriginell, nicht?

Gibt es Fragen, die ihr nicht mehr hören könnt?

Chris: Ich glaube, die meist gestellte Frage ist die wegen Joy Division, wegen den Einflüssen. Es ist etwas ermüdend, aber nicht beleidigend. Es nervt etwas, wenn Leute über unsere Einflüsse zynisch sein wollen. Aber sonst, frag mich was du willst.

Wie geht es mit euch weiter?

Chris: Wir nehmen bald ein neues Album auf, so Ende September bis Ende des Jahres. Wir denken, da kommt dann was, hoffentlich schon bald, vielleicht nächsten Sommer, wenn alles gut läuft.

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