Kultur | 28.08.2006

Ideale und Gedanken kommen ins Wanken

Text von Saskia Beck
Saskia Beck aus Worben bei Biel hat die Favela Horizonte Azul, ein Armenviertel von Sao Paulo, besucht. Was sie gesehen hat, hat sie tief erschüttert: Menschen die nichts haben, gar nichts, und doch immer wieder von neuem Kräfte aufbringen.
Fotos: Saskia Beck

Versteckt in einem klapprigen, 25-jährigen Auto, das in der Schweiz schon längst auf dem Schrotthaufen läge, begeben wir uns ins Reich der Favelas in Sao Paulo. Wir mischen uns, umgeben von Hügeln, die sich bis ins Unendliche ausbreiten, mitten unter die Favela-Bewohner und werden mit tragischen Schicksalen und viel Unbekanntem konfrontiert: Menschen, die mit dem Allerwenigsten zurechtkommen müssen, junge Mädchen, die zu ihren Kindern schauen und nicht wissen, ob der Mann am Abend etwas zu Essen nach Hause bringt. Die Favelageschichten, die ich zu Hause gemütlich im Bett, in einer sicheren Umgebung, gelesen habe, beginnen sich real vor meinen Augen abzuspielen. Die Bilder schockieren. Anfangs staune ich und versuche langsam die Eindrücke in meinem Innersten aufzunehmen. Es ist, als müsste ich alle meine Ideale, Ideen, Gedanken, meine eigene Welt auf einmal hinterfragen.

Begegnung mit Favela Bewohnern

Zusammen mit Mario, dem langjährigen Mitarbeiter auf der Favela Horizonte Azul, können wir auch aussteigen aus dem Klapperwagen und eine Mutter mit zwei Kindern in einem dieser unendlich vielen Hüttchen besuchen. Das Kritzeln im Bauch und überhaupt all die herumschwirrenden Gedanken im Kopf steigern die Gespanntheit und auch die Intensität dieses einmaligen Besuchs. Angeführt von Mario treten wir in das kleine Gehäuse ein. Eine Frau, deren Gesicht mich als erstes berührt, begrüsst uns mit einer leisen, aber sicheren Stimme: «Oi-. Mein zweiter Blick fällt auf ein kleines Geschöpf, das in einem armseligen Bett, eingehüllt in Wolldecken, liegt. Das kleine Lebewesen liegt völlig hilflos da, der armseligen Umgebung ausgeliefert, und verdreht seine Augen in alle Richtungen. Sein kleiner Körper ist starr, seine Reaktionen unberechenbar und nicht einfach zu deuten. Die Mutter erklärt mit leiser Stimme in portugiesischer Sprache, dass Ivo schon 15-jährig sei und dass sie selber nicht genau wisse, ob er hören und sehen kann. Dieses einschneidende Erlebnis lässt uns verstummen und wir blieben mehr als zehn Minuten beim Kind und der Mutter stehen. Ihre Liebe zum behinderten Kind, die sie schon mehr als 15 Jahre bewiesen hat, ist so stark spürbar, dass es mir fast das Herz zerreisst vor Rührung, Ehrfurcht und Bewunderung. Berührt und erfüllt verlassen wir die Favelafamilie und begeben uns wieder zurück in den Klapperwagen und damit auf zu neuen Begegnungen und Abenteuern.

Was ist unsere Aufgabe?

Ich werde noch lange diese Begegnungen in mir herumtragen und in meine Gedanken und Gespräche einbeziehen. Ich staune, was diese Favela-Menschen leisten, ohne den geringsten Materialismus, und was für Kräfte sie immer wieder von neuem aufbringen können. Ich stelle mir die heikle Frage, was unsere Aufgabe als Schweizer ist, wenn wir uns von so einem Erlebnis prägen lassen. Richtig und falsch gibt es hier nicht. Mir wird immer bewusster, dass in jeder Tätigkeit, jeder Aktion eines Menschen Positives und Negatives mitspielt und es somit kein reines «Richtig- oder «Falsch- gibt. Also auch nicht in der Art wie wir Schweizer mit diesen brasilianischen Realitäten umgehen sollten. Ich versuche die Eindrücke, die ich hier aufnehme, die Erlebnisse die mich prägen und die Erfahrungen, die ich mache nach Hause zunehmen und hoffe, dass ich die sie in meine künstlerische Arbeit einbeziehen kann.        

Kunst und soziales Engagement

Saskia Beck, 19, aus Worben bei Biel engagiert sich seit Jahren für Kinder in Not. Zusammen mit ihrer Kollegin Fiorina Brotbeck hat sie Free the children Schweiz aufgebaut als Zweig einer internationalen Organisation, in der sich Kinder und Jugendliche hauptsächlich für die Befreiung von Kinderarbeitern einsetzen. Durch den Aufbau von Schulen beispielsweise sollen ihnen neue Perspektiven gegeben werden. Auch nach Brasilien hat Saskia Geld aus in der Schweiz stattgefundenen Aktionen mitgenommen, um es dort der Favela Monte Azul für die Bildung von Straßenkinder zu überreichen.    

Am 9. September eröffnet Saskia an der Bielstrasse 9 in Worben ihre «Atelier Galerie Worben – Plattform für Kunst und Kultur«. Um 14 Uhr ist Türöffnung. Nebst musikalischen Darbietungen, einer Eröffnungsansprache, einem Apéro und Workshops gibt es verschiedene Ausstellungen zu sehen: Linoldrucke, Graffiti, Keramik, und eine Postkartenserie in Mischtechnik.

Am 29. September dann stellt Saskia Schwarzweissfotografien, Dias, Skizzen und Bilder zum Thema «Eindrücke vor während und nach Sao Paulo« aus. Die Vernissage beginnt um 19 Uhr.

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