Kultur | 07.08.2006

“Ideal wären Sofas und Liegewiesen”

Text von Andreas Renggli
Dem weit verbreiteten Konservenfrass zum Trotz spielt Çuida unverdorbenen Triphop. Und zwar mit eigenen Instrumenten. Ende September tauft die Aargauer Band ihre erste CD. Bassist Raphael Gallati im Interview mit Tink.ch über das Studioprojekt und andere Träume.
Fotos: Raphaela Pichler und Katrin Elmer.

Euer Bandname sorgt gerne für Verwirrung. Bitte kläre auf.

Unser Name Çuida wurde nicht vom spanischen Wort «cuidar« abgeleitet. Es ist auf den byzantinischen Wortstamm «Suidas” zurückzuführen. Wir haben den Klang des Wortes benutzt und das Wort leicht abgeändert. Çuida (lautsprachlich swuiida) ist sehr eingängig, kurz und prägnant. Leider wird oft die Cédille vergessen, daher wurde auch schon mehrfach einfach «kuida« gesagt.

Siehst du eure Band Çuida als Hüterin der instrumentalen Kunst in der vorwiegend synthetischen Welt des Triphop?

Leider wird Triphop oftmals als DJ-Set gehört und dazu getanzt. Es ist enorm schwierig, mit Live-Instrumenten überhaupt Triphop zu spielen. Die Synthese zwischen dem Sampler, der unverzichtbare elektronische Einflüsse bringt, und den Instrumenten musste lange geübt werden. Zudem muss bei der Song-Gestaltung darauf geachtet werden, dass sich nicht allzu viel überlagert. Wir sind jedoch stolz, unseren Sound mit Instrumenten spielen zu können. Die Atmosphäre wirkt auf uns harmonischer.

Wie setzt sich eure Band zusammen?

Wir haben eine klassische Bandbesetzung: Schlagzeug, Bass und Gitarre mit Gesang. Hinzu kommt eine aussergewöhnliche Querflöte, welche die melodiösen Elemente unterstützt. Um genügend Druck und treibende Elemente zu erzeugen, ist ein Sampler immer zugegen. Flächen und schräge Sounds werden von unserem Keyboarder erzeugt, der auch die gesamte Programmierung der Samples übernimmt.

Und wie identifiziert ihr euch musikalisch?

Wir kommen alle aus recht verschiedenen Ecken der Musik. Von reinem Triphop oder Electronica bis hin zu Singer/Songwriter und von Rap/Hiphop über Funk bis Soul erstreckt sich die Bandbreite aller Mitglieder. Ich denke, wir haben zusammen eine Stossrichtung erarbeitet, welche schon in Richtung Kosheen, Archive und Massive Attack geht. Leider wird oftmals gesagt: «Mmh, tönt ja wie Massive.« Auf der einen Seite ist dies ein überaus grosses Kompliment. Die Kehrseite davon ist jedoch, dass uns eine gewisse Eigenständigkeit abgesprochen wird. Das Schubladendenken ist leider sehr verbreitet. Ich denke aber, dass interessierte Personen unsere Musik sehr differenziert wahrnehmen.

Wann und wie habt ihr zusammengefunden?

Eigentlich war das alles ein toller Zufall. Dominic (Gitarre), Marc (Schlagzeug), Michael (Querflöte) und ich (Bass) haben zuvor in einer Funk/Hiphop-Combo gespielt. Diese hat sich 2002 leider aufgelöst. Nach längerem Jamen haben wir dann Ivan (Samples/Keyboard) einfach mal eingeladen. Er hat seinen Sampler ausgepackt und dann war es schon fast geschehen. Über grössere Umwege und längeres Suchen ist uns dann Monica Santana wieder in den Sinn gekommen. Wir haben sie eigentlich alle schon vorher gekannt. Wir wussten aber nicht, ob sie überhaupt noch aktiv war und so ein Projekt unterstützen würde. Nach der ersten Probe war uns aber allen klar, dass genau diese bezaubernde und aussergewöhnliche Stimme perfekt zu unserem Sound passt. Dann verging eine recht lange Zeit, bis wir genügend Lieder erarbeitet hatten, um Auftritte wahrnehmen zu können.

Triphop ist an Musikfestivals vorwiegend den DJs in den Bars, Lounges und Festzelten vorenthalten. Ihr hingegen steht auf der Bühne und legt selber Hand an. Wie reagiert das tanzfreudige Festivalpublikum auf eure Musik?

Das ist oftmals ein bisschen schwierig, die Leute zum Tanzen zu bringen. Wer unsere Konzerte besucht, möchte den Sound genüsslich verzehren. Das heisst, ideal wäre eine Umgebung mit Sofas, Liegewiesen und entspanntem Blick auf die Bühne. Wir versuchen den Zuhörer – oder eben Zuschauer – mit den Live-Visuals unseres Videokünstlers zusätzlich zu animieren. Für uns ist es wichtiger, die Leute mit guter Musik zu beglücken. Ob der eine voll abtanzt oder genüsslich bei einem Drink die Show geniesst – beides ist uns sehr willkommen.

Bristol und Wien gelten international als Metropolen des Triphop? Gibt es auch in der Schweiz einen Ort oder eine Region, wo dieser Musikstil besser gedeiht als anderswo?

Gute Frage! Wir bekommen natürlich schon die eine oder andere Band mit, welche sich im gleichen Teich wie wir tummeln. Ich denke das Publikum im Welschland steht ein bisschen mehr auf Triphop als die Deutschschweiz. Aber wir kennen Bands von der Region Zürich bis hin zur Zentralschweiz. Leider ist ja das Aushängeschild aus Bern nicht mehr ganz so triphopig wie zu Anfangszeiten.

Die zweifellos stilbildende Triphop-Band «Massive Attack« hat dieses Jahr ein Best-of-Album herausgegeben. Und es ist ruhiger um sie geworden. Sind das Zeichen für die Abnahme der Triphop-Welle?

Ja, du hast Recht. Immer wenn eine Best-of einer grossen Band herauskommt, hat man das Gefühl, die Sache gehe langsam, aber sicher bergab. Momentan kommen aber zwei Sachen Bands wie unserer zu Gute. Zum einen gehen die Leute wieder vermehrt an Konzerte. Veranstalter und Bands finden somit wieder eine Plattform. Zum anderen gibt es in der Popmusik enorm viele Einflüsse, welche aus dem Triphop stammen. Das heisst, der Zuhörer sieht sich nicht mehr einer totalen fremden Musikrichtung ausgeliefert. Schnelle Beats und tiefe Bässe sind momentan auch in der Hitparade vertreten. Das ist, so denke ich, eine Art Zeitgeist. Alles wird rezykliert, umgearbeitet und neu verpackt. Wir hoffen darauf, dass das Publikum die Konservenkost bald einmal satt hat.

Im September bringt ihr euer erstes Album raus. Was darf man davon erwarten?

Ja, unser erstes Baby. Endlich! Wir haben lange darauf hingearbeitet und sind alle sehr zufrieden mit dem Resultat. Klar würden wir gerne ab jetzt pro Album ein ganzes Jahr nur im Studio sitzen und das ganze noch exakter produzieren. Unser Album ist eine facettenreiche Reise durch unser musikalisches Universum. Es zeigt auf, was wir in den letzten drei Jahren gemacht haben. Eine gewisse Entwicklung der Band ist nachvollziehbar. Von waschechten Triphop-Songs bis zu einer Ballade ist auf diesem Album etwas für jeden dabei. Wir haben es sogar geschafft, einen richtig dreckigen Hiphop-Beat darauf zu verewigen.

Die CD-Produktion wird vom Aargauer Kulturdünger unterstützt. Wie grosszügig waren sie?

Ohne den Aargauer Kulturdünger und die Kulturkommission der Stadt Aarau wäre es nicht möglich gewesen, diese CD zu produzieren. Wir sind sehr zufrieden, denn es ist nicht selbstverständlich, dass Kultur unterstützt wird. Natürlich mussten wir uns nach der Decke strecken. Es wäre aber nicht richtig zu sagen, wir hätten zuwenig Geld erhalten – im Gegenteil. Aber mehr Geld heisst mehr Zeit im Studio und somit eine bessere Produktion. Für eine Band ohne Plattenvertrag konnten wir aber mit den gegebenen finanziellen Möglichkeiten eine erstklassige Produktion machen. Glücklicherweise konnten wir noch vom Gewinn des Newcomer-Contests 2005 profitieren. Der Veranstalter Kiff und das Tonstudio Klangfaktur haben bei dieser Produktion drei Tage beigesteuert. Natürlich mussten wir auch unsere Bandkasse plündern und die Leute im privaten Umfeld als Sponsoren gewinnen.

Wo und wann wird die CD getauft?

Plattentaufe ist am 23 September 2006 im Kiff in Aarau. Support und Beats gibt es zusätzlich von Stiebltron Inc., einem DJ-Set aus Basel.

Letztes Jahr habt ihr den Newcomerpreis vom Kiff Aarau gewonnen, dieses Jahr folgt die CD. Wie geht es weiter mit Çuida?

Wir erhoffen uns jetzt natürlich eine bessere Ausgangslage, um Konzerte und eventuell einen Vertrag bei einer Plattenfirma zu bekommen. Wir möchten zudem erreichen, dass die CD im ganzen Land vertrieben wird. Somit hoffen wir, dass unser Name ein bisschen bekannter wird. Im Anschluss an die CD-Taufe möchten wir eine kleine CD-Release-Tour machen. Dies ist aber alles noch in Abklärung. Leider ist es nicht ganz einfach, die Veranstalter davon zu überzeugen, einen Gig mit uns Unbekannten zu organisieren. Die CD soll aufzeigen, welche Qualitäten wir besitzen.

Und wo gibt es euch dieses Jahr noch zu hören?

Alle unsere Konzertdaten sind auf unserer Website zu finden. Vor der Plattentaufe spielen wir am 12. August noch am Stadtfest in Lenzburg.

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