Gesellschaft | 29.08.2006

Austausch von Kunst, Kultur, Gedanken und Gefühlen

Text von Lailo Sadeghi
Was malt eine Koreanerin wenn sie an Nikotinsucht denkt? Oder wie zeichnet eine Engländerin Bewegung? Ein Tink-Reporter besuchte eine Ausstellung von interkulturellen Schriftbildern in Solothurn und sprach mit den jungen Kunstschaffenden über ihre Werke.
Fotos: Lailo Sadeghi Vickey Wood aus England Maria Padro Casas aus Spanien Kim Hyei-Soo aus Süd Korea Rico Engesser aus der Schweiz

An der Ausstellung der interkulturellen Schriftbilder in Solothurn, einem Gemeinschaftsprojekt der interkulturellen Kreativwerkstatt Solothurn und Workcamp Switzerland, gab es Bilder von 15 StudentInnen aus zwölf Nationen zu sehen. Kulturaustausch wurde gross geschrieben. Es lohnte sich einen Blick über den eigenen Tellerrand zu erhaschen, denn Kunst ist nicht nur von Kultur zu Kultur verschieden, sondern auch von Mensch zu Mensch. 

Die Kunstschaffenden standen neben Bild und Besucher und waren offen für den Dialog. Zum Beispiel Vickie Wood aus England:  

Was wolltest du mit diesem Bild ausdrücken?

Ich arbeitete mit Studentinnen und Studenten aus Solothurn und zeigte ihnen verschiedene Techniken und Werkzeuge, zum Beispiel wie man mit dem Spachtel arbeitet oder wie man bestimmte Farben hervorhebt und vermischt. Dieses Bild ist ein Übungsexemplar. Ich habe es so gemalt wie es mir gefällt und dabei die Farben miteinander verbunden und spielen lassen.  

Was bedeutet die Kunst für dich?

Der Ausdruck von Gefühlen und Gedanken.  

Wie war das mit der sprachlichen Verständigung zwischen euch?

Alle können ja ein bisschen Englisch sprechen, die einen mehr und die anderen weniger. Körpersprache war aber doch sehr wichtig. Auch über unsere Bilder haben wir uns unterhalten. Wenn man jemandem ein Bild zeigt, das man soeben zu Ende gemalt hat, weiss dieser wie du fühlst und an seiner Reaktion erkennst du, wie es auf ihn wirkt und ob es ihm gefällt.  

Auch Maria Padro Casas aus Spanien war offen für ein Interview:  

Ist es möglich von der Kunst zu Leben?

Möglich ist es. Schwierig auch. Sehr schwierig sogar. Ich selbst kann nicht nur, aber auch, von der Kunst Leben. Das gefällt mir.  

Was sehe ich auf diesem Bild?

Das Leben und der Tod. Leben steht auf Serbisch und Tod auf Slowakisch. An diesem Bild habe nicht nur ich gearbeitet, da haben viele etwas dazu beigetragen.

Das Bild wurde, ob man es glaubt oder nicht, nur mit drei Farben gemalt. Maria mag keine homogene Farbmasse. Farben sind ihrer Meinung nach schöner, wenn sie erst auf dem Blatt vermischt werden und nicht bereits zuvor mit einem Pinsel. In der grossen Welt der Kunst, hat eben jeder seinen eigenen Geschmack. Kim Hyei-Soo aus Süd Korea ist beispielsweise fasziniert von Bewegung und vom Leben.  

Was hat dich zu diesem Bild inspiriert?

Ich ging durch die Strassen und sah einen Baum. Er erholte sich vom Winter und begann zu spriessen. Für mich bedeutet das Leben Auferstehung und Vergänglichkeit. Ich habe es “spring is gone” genannt. Es ist der Moment, in dem es langsam richtig beginnt zu blühen. Der Moment, wo sich das Leben entfaltet und in alle Richtungen strebt.  

Wie hat dir dieses Projekt gefallen?

Anfangs war ich traurig. Ich fühlte mich alleine und konnte nur schlecht Kontakte knüpfen. Dadurch, dass ich nur wenig Englisch spreche, war ich im Nachteil. Doch mit der Zeit wurde die Sprache immer unwichtiger. Wir lernten uns auf andere Weise auszudrücken, etwa mit Gestik und Mimik. Auch Musik und Kunst machten wir zu unseren Kommunikationsmitteln. Es war und ist ein sehr schönes Erlebnis. Wundervoll, wie sich Menschen, die so verschieden sind, respektieren und eine gute Zeit verbringen können.

Während der zweiwöchigen Zusammenkunft haben nicht nur die angereisten Künstlerinnen und Künstler zu Farbtube und Pinsel gegriffen. Auch die Organisation konnte nicht widerstehen. So etwa Rico Engesser aus der Schweiz, der für das Geschehen im Hintergrund verantwortlich war. Sein einziges Bild zeigt das Wort “unmöglich”, in den einzelnen Buchstaben findet sich das Wort “Endeffekt”.  

Was wolltest du mit diesem Bild ausdrücken?

Es ist auf zwischenmenschliche Beziehungen bezogen. Jeder Mensch hat seine eigene Sichtweise der Dinge und ist ein Individuum. Wenn man aber jemandem ganz tief in die Augen blickt, erkennt man im Endeffekt das es doch eine Sache der Unmöglichkeit ist, dies in irgendeiner Weise zu ergründen. Ich weiss nicht ob es mir gut gelungen ist, dies auszudrücken. Ich bin eben Germanistikstudent und nicht Künstler.

Wie wichtig ist Kunst?

Sehr wichtig. Kunst ist, egal in welcher Ausdrucksform, eine Möglichkeit Gefühle und Gedanken zu verarbeiten. All die Gefühle welche man in sich trägt, müssen raus. Im eigenen Körper, in der eigenen Seele, wird nichts Gutes daraus. Mir gefällt es nicht, dass die Kunstschaffenden immer so belächelt werden, nach dem Motto «Ja, ja, das ist halt ein Künstler«. Es ist schade, dass sie nicht so richtig in die Gesellschaft integriert sind, aber vielleicht brauchen sie das ja auch.   

In unserer Gesellschaft, wo sich eigentlich niemand für die Gefühle und Gedanken des Gegenübers interessiert, ist die Kunst eine der letzten Möglichkeiten, zu erfahren, was sich in Köpfen anderer Menschen abspielt. Hierbei ist es egal, ob man die Kunst «versteht«. Man nimmt sie einfach wahr. Und ob bewusst oder unbewusst, die Energie und die Gedankenkraft, die in ein Werk gesteckt wurde, kommt rüber. Man muss sich der Kunst nur ein kleines Stück öffnen und dafür wahrlich kein Kunstexperte oder Kulturkritiker sein. Kunst ist etwas wunderbares, etwas wichtiges. Kunst ist eine Belohnung für unsere Gesellschaft. Eine Belohnung, die sie gar nicht unbedingt verdient hätte.