Kultur | 15.07.2006

“Wer individuell lernt, ist streetwise”

Text von Andreas Renggli
Matthias Branger lanciert in Basel ein länderübergreifendes Medienprojekt. Im Interview mit Tink.ch verrät er, wieso seine Idee nicht eine Website wie viele wird.
Matthias Branger will mit Fotos, Musik und Video Brücken nach Frankreich und Deutschland schlagen.

Kürzlich hast du das Projekt Streetwise lanciert. Was willst du damit erreichen?

Mit dem Medien-Austauschprogramm Streetwise möchte ich die Grenzregion Basel trinational verbinden. Und zwar mit gemeinsamen Medienproduktionen, einer CD-Compilation, einer Kurzfilm-DVD und einer Fotoplattform. Es geht mir dabei vor allem darum, im Kulturbereich Neugier und Interesse für die andere Seite der Grenze zu wecken.

Dazu möchte ich mit Fotografen und Regiokennerinnen, Musikern, Soundtüftlerinnen, Filmemacher und Videokünstlerinnenn aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz zusammenarbeiten und gemeinsame Medienproduktionen entwickeln. Mich interessiert, wie die Leute auf der andern Seite der Grenze so drauf sind und was dort im Bereich Kultur und Musik so abgeht, und ob man das mit Medienproduktionen grenzüberschreitend erlebbar machen kann.

  

Was steckt hinter dem Begriff Streetwise? Und bist du selber streetwise?

Im Lexikon wird der Begriff Streetwise mit “gewieft” und “wissen, wos lang geht” erklärt. Für mich bezieht sich der Begriff Streetwise auf das Wissen, welches nicht in der Schule gelernt, sondern im Alltag, auf der Strasse erworben wird. Das heisst, mich interessiert, ob und wie die Grenzlage im Alltag auf der Strasse wahrgenommen und erlebt wird. Dabei interessiert mich auch, wie man mit spannenden Austauschprozessen intuitive Lern- und Vermittlungssituationen schaffen kann. Und schlussendlich soll Streetwise anregen und motivieren, die kleinen Besonderheiten des trinationalen Alltags auf der Strasse wertzuschätzen, einzufangen und anderen Menschen zugänglich zu machen. So könnte man sagen, jeder, der nicht einfach von A nach B geht, sondern auf seinem Weg individuell etwas lernt, ist streetwise.

Wer kann bei Streetwise mitmachen?

Im Prinzip jede und jeder. Man muss kein Profi sein, sollte jedoch etwas Erfahrung in seinem Bereich und vor allem Motivation und Interesse an der Region Basel mitbringen.

Was verbindet das Projekt mit dem Hyperwerk?

Am Hyperwerk der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) Basel lernen wir Prozessgestaltung und Interaktionsdesign im Kontext des aktuellen gesellschaftlichen Wandels. Ich habe mich in den letzten Jahren meiner Ausbildung insbesondere mit Video, Produktion, interaktiven Programmierumgebungen und Communityprojekten beschäftigt.

Die Idee Streetwise hat sich im Rahmen meines Diplomprojekts nach der letztjährigen Ausstellung an der Art Lounge entwickelt. Im Kontext der Jahresthematik Translearn am Hyperwerk und der Partnerschaft mit der neuen Regiovereinigung Metrobasel wiederspiegelt Streetwise meine persönlichen Interessen im Kultur- und Medienbereich.

Inzwischen gibt es bereits viele Plattformen im Internet, wo eigene Bilder, Musik und Videos veröffentlicht werden können. Was soll Streetwise von existierenden Plattformen unterscheiden?

Reale lokale Bezugspunkte. Streetwise unterscheidet sich von anderen Internetplattormen insbesondere durch sein Netzwerk von geografisch ortbaren Kulturpartner, sogenannte Streetwise-Agenturen. Das heisst, Streetwise schafft neben der virtuellen Austauschmöglichkeit einen realen Bezug mit lokalen Kulturinstitutionen und Künstlern. Diese realen Bezugspunkte und -personen sind wichtige Elemente des Projekts. So gesehen ist es kein Internetprojekt, sondern nutzt dieses neue Medium lediglich als Austauschplattform zur Umsetzung von Produktionen und zur Vermittlung von Kontakten in der realen Welt.

Die Suisa und insbesondere die Ifpi gehen mit zunehmender Vehemenz gegen Urheberrechtsverletzungen vor. Auch bei nicht Gewinn orientierten Projekten. Wie löst du beispielsweise Urheberrechtsfragen bei vertonten Videos, die du online anbieten willst?

Um die Plattform vor Urheberrechtsverletzungen zu schützen, werden Teilnehmer wie bei den meisten Plattformportalen im Netz ausdrücklich aufgefordert, nur eigene, möglichst originelle Inhalte zu veröffentlichen. Bei den Videos ist es so, dass wir hier mit dem Veranstalter der Videofilmtage Basel zusammenarbeiten. Wir übernehmen daher die rechtlichen Grundlagen auf dem Anmeldeformular der Videofilmtage. Dazu kommt, dass – insbesondere in der Anfangsphase – die gesamte Plattform vom Projektteam betreut wird, so dass bei kritischen Einträgen Rücksprache mit dem Autor genommen werden kann.

Wie du bereits angesprochen hast, sollen ausserhalb der virtuellen Welt in Basel, Deutschland und Frankreich Projektagenturen entstehen. Wie muss man sich diese vorstellen und wie weit fortgeschritten sind sie?

Die Agenturen sind lokale Kulturpartner, die Arbeitsleistungen und Raumangebote einbringen. Das können Kulturzentren, Ateliers oder Jugendzentren sein. Momentan sind der Worldshop und Creopolis in Basel, das Alte Wasserwerk in Lörrach, das Kesselhaus in Weil am Rhein und die Kulturfabrik Hégenheim in Frankreich dabei.

Welches ist der nächste grosse Projektschritt?

Der nächste grosse Schritt ist die Realisierung der Workshops und Kampagnen. Mit dem Ziel, bis Mitte August genügend Beiträge und Teilnehmer für Produktionen zu haben, stellt dies im trinationalen Kontext eine grosse Herausforderung dar.


Matthias Branger

Angefangen hat er mit dem Nachtplan, einer Basler Kunstzeitschrift. Das war vor fünf Jahren. Inzwischen hat Matthias Branger zahlreiche multmediale Projekte auf die Beine gestellt. Der 28-Jährige gehört zum Redaktionsteam von Subculture Basel, ist Projektleiter der Art Lounge und kann auf mehrere interaktive Videoinstallationen zurückblicken.

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