Kultur | 31.07.2006

Nicht ein Auftritt fürs Portemonnaie

Die Freak-Festivals haben diesen Sommer mit Charme, Eigenständigkeit, einer gehörigen Portion Frechheit und einem Hang zum Handgestrickten viele Herzen erobert. Die Erlebnisinseln bieten den Ohren Musik, die von grossen Radiosendern nicht schon fünf Mal täglich weich gespült wurde.
Webtisch brachte mit schrägen Tönen einen Hauch von Hawaii ins Kiental. Fotos: Susanne Mani Wo das Natural Sound stattfindet? «Irgendwo bei Spiez und dann weiter fern ab vom Schuss.» Tinu Heiniger zu Gast bei Patent Ochsner Stop the Shoppers mit Frontsänger Schmidi Schmidhauser Die Gruppe Marama jonglierte mit Feuerkugeln.

Freakfestivals zeichnen sich fast immer aus durch einen meist in der Natur gelegenen eindrücklichen Standort und humane Preise. Ausserdem wird man nicht mit Reklamen belästigt und nervigen Werbegeschenken traktiert. Genuss statt Exzess heisst das Motto. Eine chilbikulturfreie Zone sozusagen.

Ein solches unkommerzielles Bijoux unter den Freilichtfesten stellen wir euch vor. Es fand an einem Ort statt, wo sich Hase und Fuchs sind noch «Gute Nacht» sagen können, ohne das sie sich ängstigen müssen von einem rasenden City-Offroader platt gewalzt zu werden. Unser Reiseziel war klar. Wo genau es sich jedoch geografisch befand, wusste ich vorher nicht; mir wurde nur erklärt: «Irgendwo bei Spiez und dann weiter fern ab vom Schuss.» Mit dem um die engen Kurven zischenden Postauto fuhren wir zum Fuss der sagenumwobenen Blüemlisalp ins idyllische Kiental.

Als erstes erspähten wir Patent Ochsner, die uns von einer kleinen, mit Geranien geschmückten Bühne aus ihre alt bekannten Hits entgegen schmetterten. Bühne Huebers Tochter, die in der ersten Reihe tanzte, war natürlich nur eine von vielen, die fast alle Lieder auswendig konnte. Die energiegeladenen Vollblutmusiker hatten mit ihren drei musikalischen Gästen Mimo Locasciulli, Gustav und Tinu Heiniger ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt, von dem sich sogar einige Ausdruckstänzer vorne an der Bühne zu eindrucksvollen Einlagen hinreissen liessen.

Interesse haben aber auch sehr kleine Acts wie das Duo Webtisch geweckt. Wer vor der winzigen Bühne den verquerten Tönen der beiden «Hawaiigarager», «Hulablueser» und «Bolerotrasher» lauschend die Augen schloss, war geneigt sich vorzustellen, wie es wäre, vor einer hawaiianischen Strohhütte in einem Liegestuhl zu sitzen, während der Duft von Rösti mit Spiegelei übers Meer zieht.

Aus dieser skurrilen Phantasie wurde man aber spätestens von den Stop the Shoppers gerissen. Die Latin-Combo forderte einem mit wilden Rythmen und zackigen Beats zum Tanzen auf – bis in die frühen Morgenstunden.

BB Frances, die Gott-sei-Dank-bin-ich-jetzt-nicht-mehr-Lehrerin-Sängerin aus Flawil, konnte sich mit ihrer herzlichen Art sicherlich auch den einen oder anderen neuen Fan ergattern. Sie sagte, ihr Mami wäre stolz gewesen, wenn sie gesehen hätte, wie viel Werbung sie für ihre CD gemacht habe. Zu ihrem Auftritt hätte das Mutti ihr bestimmt auch gratuliert. Frances hätte wohl noch fünf Zugaben gespielt, wäre sie nicht von der Feuer-Jongleur-Gruppe Marama abgelöst worden. Die feurige Truppe, die zu mittelalterlichen Trommel- und Dudelsackklängen Feuerkugeln und andere heisse Utensilien in haarsträubender Weise durch die Luft wirbelt, ist übrigens auch am Openair Woodrock (11. und 12. August) zu bewundern.

Laut Reto Grossen, dem Organisator des Openairs, kennen Musiker in ihrem Arbeitsalltag mindestens zwei Arten von Auftritten: Solche fürs Portemonnaie und solche fürs Herz, fürs Gemüt, für die Seele. Am Openair Kiental spielten die Musikanten nicht fürs Portemonnaie, sondern für ihre Freude und die des Publikums, welches diese Einstellung spürte und zu schätzen wusste.

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