Kultur | 29.07.2006

Fantastisches Fischerdorf am Waldrand

Text von Andreas Renggli
Am Freitagabend hat das siebte Openairspektakel Waldstock in Steinhausen begonnen. Mit der detailverliebten Dekoration übertrifft sich das Festival einmal mehr selber. Die musikalischen Höhepunkte lassen indes noch auf sich warten.

Nichts als eine Türe. Wer beim Eingang ein riesiges Tor wie im letzten Jahr erwartet hatte, wurde vorerst enttäuscht. Neben der Hauptkasse gab es inmitten der grossen Absperrwand lediglich eine kleine Türe. Zum grossen Erstaunen führte diese jedoch nicht direkt aufs Gelände, sondern in eine kleine Hütte. Stiefel, Pelerine, Rucksack, Netz und Rute lagen griffbereit da, als müsste der Fischer jeden Moment zurück sein. Erst eine zweite Tür machte den Weg zur Hauptbühne frei. Willkommen im Fischerdorf Waldstock.

Auf hoher See

Was sich die Veranstalter haben einfallen lassen, übertrifft die bisherigen Festivals deutlich. Mitten auf dem Gelände steht die Santa Lucia, ein selbstgebautes Schiff aus Holz. Sie ist gleichzeitig Bar und Aussichtspunkt. Denn vom Oberdeck lässt sich das ganze Festival wunderbar überblicken. Manch einer steht später am Abend ehrfürchtig hinter dem grossen Steuerrad, lässt den Wind durch die Haare wehen und die abenteuerlichen Träume aus der Kindheit aufleben

Hinter dem Schiff wacht der Leuchtturm. Entgegen der Vermutung im Vorfeld, er werde zum Hauptmotiv des Feuerspektakels am Montagabend, bleibt er mit grosser Sicherheit stehen. Wahrscheinlicher werden es die riesigen aus Holz nachgebauten Container und Kisten neben dem Eingang sein.

Aus der früheren kubanischen Bar ist ein Seemannsspunten geworden, ebenfalls mit geistreicher Einkleidung. Dabei ist das bei weitem noch nicht die ganze dekorative Attraktion: Viele kleine Details wollen erst noch entdeckt werden.

Wo blieb da das Festival? Am ersten Abend gab es für die rund 800 Besucherinnen und Besucher neben dem Film Habana Blues zwei Konzerte und eine Musikkömodie. Das Duo Amtsbladt, verstärkt durch zwei knapp bekleidete Damen, eröffnete den Abend mit Liedern ihres Debütalbums “Stadler, Müller, Meier”.

Inhaltlich gleich tief wie der Rock

Aufs Erste kommt die Mundartmusik von Phil Scheck (Gesang) und Andri Krämer (Gitarre) erfrischend, poppig und frech daher. Doch dieser Eindruck vergeht bald. Sie zelebrieren sich als Opfer der Schweizer Musikindustrie, als Kämpfer gegen Kommerz. So richtig nimmt man das ihnen schlicht nicht ab, wenn man bedenkt, dass sie bis vor kurzem noch als Partyband aufgetreten sind. Ihre Texte reichen mit Ausnahme von ein paar treffenden Pointen etwa so tief, wie der Rock der einen Sängerin: knapp über das Gesäss.

Klar, Scheck und Krämer setzen beim Text wie auch bei der Musik bewusst auf Trash. Das hätte durchaus seinen Reiz, doch wirken die beiden weit zuwenig abgeklärt, als dass das alles Absicht sein könnte. Boom, boom.

Getigerte Unterhosen retten Schau

In eine völlig andere Welt entführte die Cellomafia das Publikum wenig später auf der Hauptbühne. Vier Celisten und eine Celistin – alle aus Deutschland – inszenierten mit Arrangements bekannter Melodien Teile eines Krimis. Bis zur Pause konnten sie die Stimmung kontinuierlich aufbauen, danach flachte ihre Schau ab. Sie wurde zu musiklastig und ihre Scherze zu oberflächlich. Im zweiten Teil schaffte es die Cellomafia kaum mehr, das gesamte Publikum lachend für sich zu gewinnen. Bis zum Schluss, als die vier Männer sich für ein rosarotes Plüschcello bis auf die getigerten Unterhosen auszogen. Das hat ihr Auftritt gerettet.

Mehr erwarten durften sich die Besucherinnen und Besucher von Apparatschik, einer vierköpfige Band aus Berlin, die sich der russischen Volksmusik verschrieben hat. Der Sänger Oljég Matrosov kam, legte los und bereits nach kurzer Zeit hörten die vordersten Reihen nicht mehr auf zu tanzen. Erstmals kam an diesem Abend jene Stimmung auf, die das Waldstock eigentlich auszeichnet: wild, ungezwungen und gleichzeitig friedlich. Im Gegensatz zu Dr. Bajan, der letztes Jahr das Festival in einen richtigen Hexenkessel verwandelte, ging Apparatschick die Sache einiges ruhiger an. Der flinke Fidler fehlte. Gelungen ist ihr Auftritt trotzdem gut, doch die unvergesslichen Festivalhöhepunkte lassen definitiv noch auf sich warten.

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