Kultur | 23.07.2006

Es war einmal

Text von Lena Tichy
In der inneren Mongolei gibt es auch heute noch Familien, die Vieh züchten, obwohl die moderne Welt es ihnen nicht leicht macht. Der Film Season of the Horse erzählt vom Kampf eines stolzen Mannes gegen Bürokratie und Fortschritt.
Wurgen (Ning Cai) ist verzweifelt: Was soll er tun, wenn er keine Schafe züchtet?

Was einem am Regiedebüt des berühmten chinesischen Schauspielers Ning Cai zuerst auffällt, ist die Langsamkeit der Bilder. Das Tempo der Kamera hat sich dem Lebensrhythmus der Steppe angepasst, und so dauert es eine Weile, bis man sich an die wenigen Schnitte und die kurzen Dialoge gewöhnt hat. Season of the Horse ist ein Film, in dem die Stille den meisten Raum einnimmt. Geduldig zeigt Regisseur und Hauptdarsteller Ning Cai das karge aber friedliche Leben einer Familie, die ganz allein in einem Zelt in der Steppe wohnt, umgeben von einer immer kleiner werdenden Schafherde und einem Pferd, das schon bessere Tage gesehen hat. Der Sohn würde gern zur Schule gehen, doch dafür reicht das Geld nicht. «Und bevor ich das Pferd verkaufe.«, sagt der Vater, «sterbe ich lieber.«

Aberwiztige Bürokratie

Die Familie, bestehend aus Mutter Yingjidma (gespielt von Narenhua), ihrem Mann Wurgen (Ning Cai) und Sohn Huhe lebt in der inneren Mongolei, einer autonomen Region der Volksrepublik China. Die Gegend leidet unter einer anhaltenden Dürre und selbst der starrköpfige Wurgen muss sich eingestehen, dass er bald keine andere Wahl mehr hat, als seine Schafherde zu verkaufen, und seine Heimat zu verlassen. Leicht gibt er sich allerdings nicht geschlagen: Mit blossen Fäusten kämpft er um ein Stück Land, welches die Gemeinde eingezäunt hat mit der Behauptung, es gehöre ihr. In diesem kleinen Beispiel zeigt  Ning Cai den ganzen Aberwitz der chinesischen Bürokratie: Weil dank dem Kommunismus alles so gerecht verteilt ist, bekommen jene, die wirklich etwas brauchen, im Ernstfall nur eine kalte Paragrafenpredigt.

Die eigene Geschichte

Als letzte Verzweiflungstat verkauft Wurgen das geliebte Pferd. Der Abschied von seinem Tier zerreist ihm das Herz. Noch mehr als zuvor zeigt sich jetzt das grosse schauspielerische Talent von Ning Cai. Seine Darstellung eines Mannes, der fast daran zugrunde geht, dass die Dinge sich ändern, wirkt so echt und ehrlich, wie man es hierzulande selten zu sehen bekommt. Season of the Horse ist auch die Geschichte von Ning Cai selbst: Der Schauspieler und Regisseur wurde 1963 als Sohn sesshafter Viehzüchter in der inneren Mongolei geboren, entschied sich dann aber später, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen. Sein Ziel ist es nun, weitere Filme über das Leben der Nomaden und Mongolen drehen und fördern zu können.

Season of the Horse läuft ab dem 3. August im stattkino Luzern. Verleih: Trigon-Film