Kultur | 14.07.2006

Einmal Marrakesch hin und zurück

Text von Janosch Szabo
Schräg, poetisch, arabisch, witzig und total faszinierend: Musiker verschiedener Couleur, Poeten, Artisten und Human Beat Boxer prägten den Donnerstagabend am Pod'Ring. Sie zeigten eindrücklich, dass der Mix der verschiedenen Künste die Bieler Kulturwoche so speziell macht.

Wenn sich Raphael Urweider und Hans Koch treffen dann mischen sich wortgewandte Sprachkunst und hochstehende Klangkunst. Der Hof der Gewölbegalerie mit den farbenfrohen Skulpturen des Bieler Künstlers Gianni Vasari bot für dieses Aufeinandertreffen eine stimmige Kulisse. Urweider erzählte Geschichten von Ozeansammlern, von Schnäpsen und Frauen und Koch entlockte dazu seiner Bassklarinette wundersame Klänge, tief grunzende, hoch jauchzende und wahrlich schräge, so schräg wie die Werke des neben ihm stehenden Autors.

Samir Essahbi und die arabischen Rhythmen

Später am Abend brachte der vor 17 Jahren in die Schweiz immigrierte Marokkaner Samir Essahbi den Ring in der Bieler Altstadt in Bewegung. Zusammen mit seiner Band Raï-X, dessen Name gleichzeitig den Musikstil beschreibt, nahm er das Publikum für rund zwei Stunden mit auf eine Reise nach Marrakesch, brachte einen Hauch Marokko nach Biel. Das Publikum, bunt gemischt vom Vierjährigen bis zur Oma, tanzte und wippte zu arabischen Rhythmen. Diese wurden aber bei weitem nicht bloss traditionell interpretiert, sondern in Verbindung mit Stilen wie Salsa, Afro oder Reggae in ein neues Licht gerückt. Die multikulturelle Band, bestehend aus Marokkanern, Schweizern, einem Tunesier und einem Kameruner, zeigte sich vielfältig. Besonders Samir und seine beiden Brüder Kamal und Taoufiq stachen hervor und prägten das Bühnengeschehen mit ihren Rhythmuseinlagen. Dabei kamen nebst verschiedenen Trommeln, von Darbouka bis Djembe, Riesenchinellen, Klappern und anderen kleinen Rhythmusinstrumenten oft auch ganz einfach die Hände zum Einsatz. Ergänzt wurde das Ganze mit arabischem, französischem und deutschem Gesang, des nicht zu übersehenden und überhörenden Samir Essahbi, und von einer Band, die, eher im Hintergrund, an Schlagzeug, Klavier, Bass, Gitarre und Geige für das gesamte Klangbild sorgte.   

Reggaebeats im schwülwarmen Ring

Das Pod’Ring Publikum war fasziniert und klatschte eifrig mit, ganz egal in welchem Tempo, denn schliesslich hat nicht jeder arabischen Rhythmus im Blut. Besser klappte es, wenn die Musiker gemächlichere Reggaebeats durch den Ring dröhnen liessen und gemeinsam mit dem Publikum sangen “oh singä mir Arikaaa”. Überhaupt hatten Samir Essahbi und seine Band das Spiel mit dem Publikum bestens im Griff, mischten langsamere Stücke mit fetzigeren, manchmal gar skaartig, holten ein paar Kinder auf die Bühne und inszenierten eine grossartige Bandpräsentation. Eine mitreissende Zugabe brachte noch einmal gehörig Schwung in die schwüle friedliche Festivalatmosphäre. Dann war die Reise nach Marakesch vorbei und die Zuschauer wurden zurückgeholt aufs Kopfsteinpflaster der Bieler Altstadt. Doch die Landung war sanft. Die abendliche Wärme passte ausgezeichnet.

Höhepunkt zur Mitternachtsstunde

Und dann nach einer Pause mit Bier, Eis und Crêpes, als die Mitternachtsstunde näher rückte, stieg die Spannung im Ring. Auf der Bühne stand eine grosse geheimnisvolle Box aus Karton und daneben der in Biel wohlbekannt Nino G, Human Beat Boxer erster Güte. Gross und Klein setzte sich im Halbkreis vor die Bühne und Nino G begann sein mit seiner Beat Box Kunst, bis dass sich der Deckel der Box hob, Bälle herausgeflogen kamen und ihr schliesslich mit zuckenden Bewegungen der Artist Romano Carrara entstieg. Es folgte ein Spektakel, das so manche Münder offen stehen liess, den Zuschauern herzhafter Lacher entlockte, und hie und da kullerte gar eine Freudenträne. Nino G begleitete rhythmisch die energievollen Jonglage- und Tanzeinlagen von Romano, lieferte sich Battles mit ihm und packte, wenn Romano zwischendurch wieder in seiner Kiste verschwand, sein ganzes Beat Box Repertoire aus, vom Motorrad, Original Harley Davidson, bis zum weinenden Baby. Ein Höhepunkt folgte dem anderen und am Ende ernteten die beiden Künstler italienischer Herkunft einen tosenden Applaus. Verdient, denn so etwas hatte Biel noch nie gesehen.

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