Kultur | 27.07.2006

“Eben auf eine subtilere Art”

Text von Martin Sigrist
Mit ihrer neusten Platte "Räuber und Gedärm" besinnen sich die Sterne aus Hamburg wieder auf ihren früheren Stil. Ihr Konzert am Melt war von gewohnt hoher Qualität. Das Publikum trotz sehr beengten Verhältnissen in bester Konzertstimmung.
Frank Spilker: "Für uns war es ein Sprung ins kalte Wasser." Martin Sigrist von Tink.ch und Frank Spilker

Doch weiter soll hier nicht ihr Konzert besprochen werden, sondern der Mann des Abends zu Wort kommen. Dazu führte Tink.ch ein Interview mit dem Sterne-Frontmann Frank Spilker am Tag nach ihrem Konzertabend.

Hi Frank, wie geht es dir?

Danke, sehr gut, so ein typisches Wochenendegefühl. Gestern Abend der Auftritt hier auf dem Festival, nun ist es zu Ende und mir steht noch ein freier Abend bevor. Doch, es geht mir sehr gut.

Wie war euer gestriges Konzert hier auf dem Melt?

Geil, so in Anbetracht der Umstände. Es war ja sehr voll, zu voll. Und für uns war es ein Sprung ins kalte Wasser. Wir waren jedoch überrascht, wie geil das Publikum abging. Sie kannten die Platte und haben mitgesungen. An einem Festival ist das ja nicht immer so, da geht man halt einfach mal zu Konzerten ohne immer die Bands zu kennen.

Ihr habt als eine der wenigen Bands nicht draussen gespielt.

Ja, wir wurden angefragt, wo wir spielen wollten, und wir haben uns für die Halle entschieden. Auf Festivals ist es immer netter, auf Nebenbühnen zu spielen. Nur war die Halle halt viel zu klein.

Ist für euch die Grösse eines Konzerts entscheidend?

Es gibt schon Unterschiede, technische und auch rein praktische, vor allem bei mehr als 2000 Personen. Kleine Gesten wie Blickkontakte sind dann nicht sichtbar für die Zuschauer weiter hinten. Daher braucht es dann grössere, besser sichtbare Gesten, da sonst keine Kommunikation mit dem Publikum möglich wäre.

Wie kommuniziert ihr denn mit dem Publikum?

Musik selbst ist schon sehr kommunikativ. Wir sind nicht voll die Unterhalter zwischen den Stücken, aber eben auf eine subtilere Art.

Warum haben die Sterne im Vergleich zu Deutschland in der Schweiz so viel weniger Erfolg, seid ihr zu Deutsch?

Nein, das hat wohl andere Gründe. Unser Vertrieb in der Schweiz, Virgin, hat unser letztes Album in der Schweiz gar nicht veröffentlicht. Für grosse Plattenfirmen ist der deutschsprachige Markt in der Schweiz oftmals zu klein, er wird eher stiefmütterlich bedient. In Zürich etwa sind die Konzerte immer voll. Es ist einfach etwas schwieriger in der Schweiz. Der Schweizer Vertrieb ist da immer etwas unsicher.

Bei euren Alben betretet ihr immer wieder neue Stilwelten. Es gibt da und dort Kritiker, die behaupten, eure neue Platte sei zu kommerziell.

Sowas habe ich gar nicht gelesen, die Kritiken, die ich kenne, sind immer sehr positiv. Was gesagt wird, ist, dass die neue Platte wieder klingt wie die Sterne früher. Das ist wahr. Es ist dieselbe Technik wie 1995, aber mit anderen Vorbildern.

Ihr alle verfolgt eigene Projekte neben den Sternen. Inwiefern hat dies Einfluss auf euer Schaffen?

Dies hat einigen Einfluss. Wenn man nebenher nichts anderes tut und hat, wird die Arbeit an dem einen einzigen Projekt sehr eingeengt, damit auch die Resultate.

Herrscht bei euch Demokratie in der Band?

Auf jeden Fall. Bei Bands, wo das nicht der Fall ist, kann man das gut merken. Die Musik wirkt weniger authentisch, wenn einer alleine viel bestimmt. Und die Mitglieder in solchen Bands wechseln sehr häufig. Bei uns bleibt alles länger gleich.

Euer früherer Keyboarder hat die Band verlassen.

Ja, was wir sehr bedauerten, aber der Schritt war uns allen verständlich. Seine weiteren Pläne wären sonst nicht möglich gewesen. Jetzt beschreitet er seinen eigenen Weg.

Mögt ihr es, wenn eure Texte von den Medien interpretiert werden?

Es ist eine Normalisierung der Situation. Es ist nicht alleine die deutschsprachige Musik oder der Deutschpop. Es betrifft auch alle anderen. Die Lage hat sich verändert. Deichkind ist geil, es zeigt, dass auch Trash deutschsprachig sein kann, oder jeder andere Stil. Früher hätte man das nicht gedacht. Nun ist es völlig anerkannt. Als Band hat man vor seinen eigenen Texten keine Ehrfurcht, man muss sie ja ständig selbst angreifen. Von aussen geht man aber mit den Texten anders damit um, auch je nach Band werden die Texte anders behandelt. Die von Deichkind anders als zum Beispiel jene von Blumfeld. Wenn eine Band zu einem gewissen Grad anerkannt ist, werden die Texte anders wahrgenommen und vielleicht damit ernster genommen.

Wie siehst du den Streit zwischen Berliner, Hamburger und auch anderen Bands?

Dieser Regionalismus interessiert mich nicht. Ich mag mich nicht auf deutsche Bands begrenzen. Diese Scheindiskussion um Hamburger oder Berliner oder Kölner Bands, es ist doch egal welcher Stil und welcher Ort. Musik ist international und damit interessant. Sonst ist es einfach eine Ignoranz vor internationalen oder auch regionalen Bands. Es gibt momentan international einige interessante Bands. Ich höre momentan unter anderen den einen amerikanischen Sender aus L. A., da wird viel Crossover gespielt. Ganz willkürlich gemischt, zum einen Feist und danach gleich AC/DC, der Sender ist nicht auf einen Stil fixiert. Es interessiert mich nicht, ob nun eine Band eher der neuen oder alten Hamburger Schule angehören könnte. Damit möchte ich mich überhaupt nicht beschäftigen. Diese Prioritäten werden jedoch sehr oft von den Medien und dann vom Publikum so wahrgenommen.

Was hältst du von den ganzen Hype-Bands?

Die sind okay, wenn sie frisch sind und Spass machen. Auch wenn sie teilweise wie ältere Bands klingen. Ich mag jedoch den Ausdruck Neobands nicht. Aber wenn die Bands geil sind, dann ist das voll okay, ganz egal welchen Stil sie spielen.

Discogänger kennen die Sterne oft nur durch das eine Lied, «was hat mich bloss so ruiniert«. Fühlt ihr euch dabei auf einen Punkt eurer Musik reduziert?

Nein, das war halt unser grösster Hit. Es ist schön, dass wieder vermehrt zu Rock getanzt wird, das könnte auch eine Chance für uns sein, dass wir wieder vermehrt gespielt werden. Wir machen ja doch eher Rockmusik.

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