Kultur | 29.07.2006

“Doch genau das fehlt den Deutschen”

Text von Andreas Renggli
Die Berliner Band Apparatschik bringt den Deutschen über russische Umwege die Volksmusik zurück. Sänger und Balalaikameister Oljég Matrosov nach dem Konzert am Openairspektakel Waldstock im Interview mit Tink.ch.
Fotos: Sandro La Marca

Du wurdest in der DDR geboren, lebst in Deutschland und spielst russische Volksmusik. Wie passt das zusammen?

Ich kam 1986, also noch vor dem Fall der Mauer, von der DDR in die BRD. In der westlichen Musik hat mir das Melancholische, das Schwerfällige gefehlt. Gerade auch in der deutschen Musik. So bin ich auf die russische Volksmusik gestossen. Doch es ist schon nicht so, dass ich in der DDR russische Lieder singen musste. Ich habe Gleichgesinnte gesucht und 1988 ging es schliesslich los mit Apparatschick.

Wie ist eure Musik zu Beginn aufgenommen worden?

Ende der 80er Jahre nahm das Interesse an Russland stark zu. Das half natürlich unserer modernen Interpretation russischer Volkslieder sehr. Insofern hat Michail Gorbatschow für uns wichtige Arbeit geleistet. Die Leute im Westen waren begeistert von unserer Musik. Wir tourten anfangs vor allem durch die Niederlanden und die Schweiz.

Nach dem Mauerfall gab es auch Auftritte im Gebiet der ehemaligen DDR? Wie reagierte da das Publikum?

Ich war sehr nervös beim ersten Konzert, weil ich keine Ahnung hatte, ob unsere Musik ankommen würde. Doch dem Publikum gefiel unser Stil. Auch in Polen war ich vor dem ersten Auftritt an einem Stadtfest sehr unsicher, da die Beziehung zu Russland schwierig war. Während der ersten beiden Stücke wirkte das Publikum eher kühl und distanziert. Doch ein ukrainisches Volkslied brach das Eis. In Polen existiert nämlich genau das gleiche Lied, einfach mit einem anderen Text. Da haben die Leute angefangen mitzusingen. Und ab dann war es ein tolles Konzert. Es war verblüffend, wie wir über die Volksmusik den Zugang zum Publikum fanden.

Und wie werdet ihr in Russland aufgenommen? Wart ihr da überhaupt schon mal?

Nein, in Russland sind wir noch nie aufgetreten. Aber ich habe schon mal ein Interview für eine Zeitung von Minsk gegeben. Und viele Russen sagen uns, wir sollten nach Moskau gehen. Ich bin da aber etwas skeptisch. Junge Russen getrauen sich oft nicht an ihre eigene Volksmusik heran. Ähnlich wie das jungen Leuten in Westeuropa mit traditionellen Liedern aus ihrer Heimat geht.

Ist die Zeit der Volksmusik nicht einfach abgelaufen?

Nein, überhaupt nicht. Ich denke, in Deutschland gibt es ein echtes Manko. Die Leute brauchen Volksmusik für die Seele. Und für Gemeinsamkeiten. Wenn an einem Fest eine riesige Menschenmenge ein Lied singt, gibt das ein unheimlich starkes Gefühl. Doch genau das fehlt den Deutschen. Auch in den Niederlanden und in Grossbritannien ist ein Grossteil der Volkslieder ausgestorben. Das ist schade.

Euer Publikum versteht die russischen Texte kaum? Was steckt in den Liedern?

Die Texte sind oft einfach, gleichzeitig aber auch tiefgründig. Und sie haben eine gewisse Ästhetik. Zweifellos

Ihr habt einen neuen Stil gefunden alte Lieder zu arrangieren. Gibt es da für die Band überhaupt Möglichkeiten, sich selber weiter zu entwickeln?

Ja, sicher. Man muss für sich immer eine Nische finden. Dadurch entwickeln wir uns automatisch weiter. Mir ist noch nie passiert, dass ich plötzlich unter einem Zwang stand was anzupassen. Ich denke, das ist so, weil mir die Musik wichtiger ist als das Geld. Im umgekehrten Fall wäre das Leben viel komplizierter.

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